Wenn deutsche Universitäten von Exzellenz, Internationalisierung und strategischen Partnerschaften sprechen, bleibt meist unsichtbar, welche politischen und ökonomischen Interessen diese Kooperationen tragen. Kaum thematisiert wird die Beteiligung deutscher Unis an Israels militärisch-industriellem Komplex und deren Rolle im Genozid in Gaza.
Deswegen richtet Prof. Dr. phil. Sabine Broeck im zweiten Teil ihres Beitrags den Blick auf europäische Forschungsförderung, die strategische Rolle Israels in Programmen wie Horizon 2020, auf die engen Verflechtungen zwischen Hochschulen und Rüstungsindustrie sowie auf konkrete Beispiele aus Deutschland. Zugleich dokumentiert sie internationale Initiativen und studentische Bewegungen, die einen politischen Kurswechsel fordern und den Wiederaufbau der palästinensischen Hochschulbildung ins Zentrum stellen.
Europäische Forschungsförderung und strategische Interessen
Während die Zerstörung des palästinensischen Hochschulwesens in deutschen Stellungnahmen kaum benannt wird, wird die wissenschaftliche Kooperation mit Israel offensiv verteidigt und ausgebaut. Eine zentrale Rolle spielen dabei die europäischen Förderprogramme, insbesondere Horizon 2020 und dessen Nachfolgeprogramm Horizon Europe.
Israel gilt in der europäischen Forschungslandschaft als außerordentlich forschungsintensiver Standort. Die zivile Forschungs- und Entwicklungsquote liegt laut offiziellen israelischen Statistiken bei über sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit an der Spitze der OECD Staaten. In Stellungnahmen wird betont, dass Israel über dichte Innovationsökosysteme, starke wissenschaftliche Schulen und eine kritische Masse in strategisch relevanten Bereichen wie digitalen Technologien, Datenmethoden, Biomedizin sowie Material und Energieforschung verfüge.
Das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender argumentierte zu Beginn dieses Jahres in einer ausführlichen Stellungnahme, dass die Europäische Union in besonderem Maße von Israel als Partner profitiere. ERC-Förderung ermögliche es europäischen Projektleitern, israelische Exzellenz systematisch einzubinden, etwa durch die Rekrutierung von Postdocs und Doktorandinnen, durch gemeinsame Methodenentwicklung, Gastaufenthalte und verteilte Teams. Für die EU sei dies keine altruistische Geste, sondern eine Rendite auf Wissenskapital. Mehr wissenschaftliche Durchbrüche, höhere internationale Sichtbarkeit und schnellere Diffusion von Spitzentechniken stärkten die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA und China.
Ein ScienceBusiness Überblick verwies darauf, dass Israel historisch besonders hohe Erfolgsquoten in ERC-Wettbewerben erzielt habe. Der strategische Punkt für Europa wird offen benannt. Wenn exzellente Partner strukturell seltener eingebunden würden, verliere die EU-Zugang zu Know-how, Talenten und Netzwerken.
Was in diesen Argumentationen kaum thematisiert wird, ist die strukturelle Verflechtung vieler israelischer Hochschulen mit dem militärischen Sektor und der Rüstungsindustrie.
Technion und Techno militärische Forschung
Ein häufig genanntes Beispiel ist das Technion – Israel Institute of Technology in Haifa. Das Technion unterhält enge Beziehungen zur israelischen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Deutsche Universitäten pflegen seit Jahren Partnerschaften mit dieser Institution.
An der Universität Bremen existieren langjährige Kontakte, die im Oktober 2025 im Rahmen eines Jubiläumsevents zum hundertjährigen Bestehen des Technion gefeiert wurden. Auch an anderen Standorten, etwa in Hannover, fanden groß angelegte Veranstaltungen zur Würdigung dieser Zusammenarbeit statt.
Die Technische Universität München erhielt im Rahmen von Horizon 2020 insgesamt 198,5 Millionen Euro europäischer Fördermittel. Davon waren fast 13 Millionen Euro für 22 Kooperationen mit israelischen Partnern vorgesehen, darunter auch mit dem Technion. Die Kooperationen betreffen unter anderem Technologien mit Dual Use Potenzial, also Anwendungen, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können.
Die investigative Monografie von Maya Wind dokumentiert ausführlich, wie israelische Universitäten in Techno militärische Forschung und Ausbildung eingebunden sind. Diese Dimension bleibt in deutschen Stellungnahmen weitgehend ausgeblendet.
Bremen als Fallstudie: Kooperation mit der Rüstungsindustrie
Die studentischen Recherchen in Bremen richten den Blick auf die unmittelbaren Verbindungen zwischen Universität und Rüstungsunternehmen. Das Bremer Satelliten und Rüstungsunternehmen OHB stiftet eine Professur an der Universität Bremen und finanziert Forschung im Sinne eigener Unternehmensinteressen. Im Jahr 2024 war etwa ein Drittel aller Aufträge von OHB militärischer Natur.
Zu den Kunden von OHB gehört die Israel Aerospace Industries, das zweitgrößte Rüstungsunternehmen Israels. Die Israeli Aerospace Industries ist unter anderem für die Produktion der Drohne Heron bekannt, die nach Angaben des Unternehmens eine zentrale Rolle in Israels Angriffen auf den Gazastreifen gespielt hat.
Die Universität argumentiert, ihre Kooperationen dienten ausschließlich zivilen Zwecken. Technologien, die im zivilen Rahmen entwickelt würden, würden nicht in militärischen Produkten eingesetzt. Dieses Argument wird von den Studierenden als nicht haltbar bezeichnet und mit Verweis auf konkrete Verflechtungen zurückgewiesen.
Der Forschungsschwerpunkt Luft und Raumfahrt in Bremen verfolgt ausdrücklich das Ziel, Transfer in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu leisten. Studierende werden neben Airbus und OHB auch an die Ariane Group vermittelt, ein Unternehmen, das Nuklearraketen und Hyperschallwaffen produziert. Die Ariane Group ist Tochterfirma von Safran, das mit dem israelischen Rüstungsunternehmen Elbit Systems kooperiert.
Über Branchenverbände wie Aviaspace wird diese Nähe weiter institutionalisiert. Mitglieder sind unter anderem Rheinmetall sowie Atlas Elektronik, die gemeinsam mit der Israeli Aerospace Industries das militärische U-Boot System BlueWhale ASW für Israel entwickelten.
Selbst die digitale Infrastruktur ist eingebunden. Der offizielle Universitäts VPN Client stammt von Cisco, das im Rahmen einer langjährigen Partnerschaft mit dem israelischen Militär Technologien geliefert hat, die nach Berichten bei schweren Menschenrechtsverletzungen eingesetzt wurden. Evidenz ist also vorhanden. Sie wird von studentischen Initiativen systematisch gesammelt und dokumentiert.
Internationale Konferenzen und deutsche Abwesenheit
Während weltweit Universitäten begonnen haben, Kooperationen mit israelischen Institutionen zu überprüfen oder auszusetzen, bleibt Deutschland auffallend zurückhaltend. In Südafrika war der Wiederaufbau der Hochschulbildung in Palästina ein zentraler Diskussionspunkt auf der Jahrestagung der International Education Association of South Africa. Vergleichbare Konferenzen oder nationale Initiativen sucht man in Deutschland vergeblich.
Der Global Education Cluster veröffentlichte einen dringenden Aufruf angesichts der beispiellosen Geschwindigkeit und des Ausmaßes der Zerstörung in Gaza. Der Aufruf ist auch über den Deutschen Bildungsserver zugänglich. Dennoch blieb eine koordinierte akademische Reaktion aus.
Studierendenproteste und Boykottinitiative
Die Bewegung „Students for Palestine“ hat an zahlreichen deutschen Universitäten protestiert, unter anderem in Berlin, Frankfurt, München, Münster, Karlsruhe, Bremen, Jena und Leipzig. Vor kurzem fand in Berlin eine selbstorganisierte Tagung dieser Gruppen statt. Dort wurde eine bundesweite Boykottkampagne gegen die Zusammenarbeit deutscher Wissenschaft mit dem techno militärischen Sektor Israels beschlossen.
Internationale Initiativen wie die Uppsala Erklärung vom vergangenen August fordern einen sofortigen Stopp der Kooperation mit technomilitärischen Institutionen Israels im Rahmen der europäischen Forschungsförderung. In Deutschland wurde diese Erklärung bislang nur von rund fünfhundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterzeichnet.
Eine kleine Gruppe palästinasolidarischer Akademikerinnen und Akademiker aus Frankreich sowie Vertreter der Uppsala Initiative trafen sich gemeinsam mit Wesam Amer, dem Dekan der Fakultät für Kommunikation und Sprachen an der Universität Gaza, im Europäischen Parlament. Ziel ist eine langfristige Kampagne zur Änderung der europäischen Politik gegenüber Palästina.
Zu den zentralen Forderungen gehören die Untersuchung von Dual Use und militärischen Anwendungen europäischer Fördermittel, die Suspendierung Israels aus dem Programm Horizon Europe, die Einrichtung eines von palästinensischen Universitätsvertretern geleiteten Ad hoc Komitees zur Ermittlung der dringendsten Bedarfe und eine umfassende Partnerschaft für Wiederaufbau und Nachhaltigkeit, einschließlich der Unterstützung palästinensischer Studierender vor Ort.
Parallel dazu fordert eine europaweite Pressure Campaign, getragen von über hundert zivilgesellschaftlichen Organisationen, seit Jahren ein Ende der EU Assoziierung mit Israel.
Satire als Diagnose
Zum Abschluss sei auf die satirische Analyse von Gert van Hecken von der Universiteit Antwerpen verwiesen. In einem Blogbeitrag beschreibt er Universitäten als Zirkus, der mit Neutralität, akademischer Freiheit und ethischen Standards jongliert, während ein live gestreamter Völkermord stattfindet.
Er identifiziert vier Strategien, mit denen Universitäten Gerechtigkeit verzögern oder verhindern. Neutralität wird zur Waffe, administrative Repression diszipliniert Studierende und Mitarbeitende, der konstruktive Dialog dient als Verzögerungsinstrument und juristische Argumentationen werden genutzt, um Untätigkeit zu rechtfertigen.
Diese Taktiken seien nicht nur im akademischen Feld zu beobachten, sondern auch im Kunst, Kultur und Unternehmenssektor. Universitäten trügen jedoch eine besondere Verantwortung, da sie sich selbst als moralische Leuchttürme der Gesellschaft verstehen.
Seine Schlussfolgerung ist eindeutig. Die Reaktion vieler westlicher Universitäten auf die Zerstörung palästinensischen Lebens und Wissens stellt einen Verrat an den Werten dar, die sie vorgeben zu verkörpern.




