In den ersten 28 Tagen des Jahres sind in Hamburg achtzehn obdachlose Menschen gestorben. Diese Zahl ist keine statistische Randnotiz, sondern ein deutliches Signal dafür, dass die bestehenden Hilfesysteme für obdachlose Menschen nicht ausreichend greifen. Sie verweist auf strukturelle Defizite, die sich insbesondere in den Wintermonaten zuspitzen.
Denn der Senat setzt weiterhin auf das Winternotprogramm und damit auf einen nächtlichen Erfrierungsschutz, den die Nutzer*innen tagsüber wieder verlassen müssen. Eine Tagesöffnung erfolgt nur unter bestimmten Bedingungen, etwa bei anhaltendem Frost, und wird häufig kurzfristig entschieden. Für obdachlose Menschen bedeutet das vor allem eines: fehlende Verlässlichkeit. Wer morgens die Unterkunft verlassen muss, steht oft für viele Stunden ohne geschützten Aufenthaltsort da, unabhängig von Kälte, gesundheitlichem Zustand oder persönlicher Situation. Gerade in dieser Zeit fehlen Rückzugsräume, Stabilität und die Möglichkeit, Unterstützung zu erhalten. Ein Schutzsystem, das sich im Kern auf die Nacht beschränkt, wird den tatsächlichen Bedürfnissen nicht gerecht.
Hinzu kommt ein paradoxes Bild bei der Auslastung. Trotz winterlicher Temperaturen lag die Belegung der Unterkünfte bis Mitte Januar durchschnittlich nur bei 70 bis 80 Prozent und das, obwohl die Zahl der auf Hamburgs Straßen lebenden Menschen die regulären Kapazitäten deutlich übersteigt. Schätzungen zufolge leben in Hamburg mindestens 3.800 Menschen auf der Straße, während im Winternotprogramm nicht einmal 1.000 Plätze zur Verfügung stehen. Dass viele Plätze leer bleiben, während Menschen weiterhin im öffentlichen Raum übernachten, weist auf qualitative Probleme hin. Große Sammelunterkünfte mit hoher Belegungsdichte bedeuten für viele Betroffene Stress, Konflikte und psychische Belastung. Wer traumatische Erfahrungen gemacht hat oder unter psychischen Erkrankungen leidet, empfindet solche Orte nicht selten als abschreckend.
Ein Schutzsystem, das zwar Betten bereitstellt, aber von einem Teil der Zielgruppe bewusst gemieden wird, verfehlt seinen Anspruch. Kältehilfe darf sich nicht auf das physische Überleben in der Nacht beschränken, sondern muss auch tagsüber Stabilität, Beratung und einen geschützten Aufenthalt ermöglichen.
Die Dramatik der Lage wird zusätzlich durch strukturelle Brüche in der Straßensozialarbeit verschärft. Zum Jahresbeginn 2026 sind vier Stellen weggefallen – von einem Tag auf den anderen. Aufsuchende Sozialarbeit ist jedoch für viele obdachlose Menschen der erste und oft einzige Zugang zum Hilfesystem. Sie lebt von Kontinuität und Vertrauen. Wenn diese Beziehungen unterbrochen werden, gehen nicht nur Kontakte verloren, sondern auch Zugänge zu medizinischer Versorgung, Unterbringung und sozialrechtlicher Unterstützung.
Die achtzehn Todesfälle im Januar werfen deshalb grundsätzliche Fragen auf. Sie betreffen nicht nur die Anzahl der Schlafplätze, sondern deren Ausgestaltung, Erreichbarkeit und Verlässlichkeit. Sie betreffen die Frage, ob Schutzangebote so organisiert sind, dass sie tatsächlich angenommen werden können. Und sie betreffen die politische Prioritätensetzung in einer Situation, in der jeder Wintertag für Menschen ohne Obdach ein existenzielles Risiko bedeutet.
Ein wirksames Schutzkonzept müsste konsequent auf ganztägige Öffnung setzen, Planungssicherheit schaffen und kleinere, dezentrale Unterkünfte im Stadtgebiet ausbauen. Es müsste Zugangsbarrieren abbauen und die Straßensozialarbeit stärken, statt sie zu schwächen. Vor allem aber müsste es anerkennen, dass jeder einzelne Todesfall mehr ist als eine Zahl in einer Statistik.
Achtzehn verstorbene obdachlose Menschen in 28 Tagen sind ein Alarmsignal. Wer diese Entwicklung ernst nimmt, kann sich nicht mit punktuellen Maßnahmen begnügen. Es geht um die Verantwortung einer Stadt, Menschenleben nicht dem Zufall von Wetterlagen und Verwaltungsabläufen zu überlassen. Der eigentliche Anspruch muss jedoch bleiben, jeden Menschen mit Wohnraum zu versorgen. Nur aus einer sicheren Lebenssituation heraus kann es gelingen, die für Obdachlosigkeit ursächlichen Probleme anzugehen oder zumindest stabil die nötige Unterstützung für ein möglichst gesundes und gesichertes Leben in Würde zu finden. Auch ein vorbildliches Winternotprogramm kann diese Situation nicht schaffen.
Ein Beitrag von Olga Fritzsche, sozialpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke Hamburg



