Die Ermordung von Hind Rajab zeigt, wie selektiv deutsche Erinnerung funktioniert und warum palästinensische Opfer darin kaum Platz haben.
Es ist der 29. Januar 2024, kurz nach 18 Uhr. In einem zerschossenen Auto im Stadtteil Tal al-Hawa in Gaza-Stadt sitzt ein sechsjähriges Mädchen zwischen den Leichen ihrer Familie. Die Fenster sind zerborsten, das Metall von Einschüssen durchlöchert. Draußen fällt israelisches Feuer. Drinnen sitzt ein Kind allein: Ihr Name ist Hind Rajab.
Hind lebt noch. Sie hat ein Mobiltelefon und sie ruft an. Am anderen Ende der Leitung meldet sich der Palästinensische Rote Halbmond. Hind sagt, dass alle tot sind. Dass sie Angst hat. Dass sie nicht weiß, wohin sie gehen soll. Ihre Stimme ist ruhig, fast gefasst. Zu gefasst für ein Kind, das zwischen toten Erwachsenen sitzt. Sie fragt, wann jemand kommt. Sie fragt mehrmals. Niemand sagt ihr, dass niemand mehr kommen wird, weil israelische Soldaten die Rettungssanitäter auf dem Weg zu ihr Ermordeten.
Ein Auto unter Beschuss
Der Fluchtversuch ihrer Familie war Teil einer Bewegung, die in diesen Tagen tausendfach stattfand. Israelische Streitkräfte hatten sichere Fluchtwege angekündigt und brachten das Gegenteil, in dem sie Gebiete beschossen, durch die Zivilisten flohen. Auch das Auto, in dem Hind saß, geriet unter Beschuss. Spätere Recherchen zählten 355 Treffer. Die Erwachsenen wurden sofort ermordet, Hind und ihre Cousine überlebten, verletzt, eingeschlossen und nach einiger Zeit allein, denn im Laufe der Stunden wurde auch ihrer Cousine das Leben genommen.
Unabhängige Analysen rekonstruierten den Ablauf später anhand von Audioaufnahmen, Einschussmustern, Satellitenbildern und Zeugenaussagen. Israelische Soldaten schossen aus nächster Nähe auf Hinds Familie, obwohl sie eindeutig sahen, dass in dem Auto eine Familie mit kleinen Kindern saß.
Ein Rettungsversuch, der scheitert
Über Stunden bleibt die Verbindung zwischen Hind und dem palästinensischen Roten Halbmond bestehen. Helfer versuchen, Hind wachzuhalten. Sie sammeln Koordinaten, geben sie weiter, bitten um sichere Durchfahrt. Israelische Stellen werden informiert. Ein Krankenwagen wird losgeschickt. Er kommt nie an, denn die Mörder von Hind und ihrer Familie beschossen auch den Krankenwagen und ermordeten die beiden Santitäter. Der Krankenwagen wird zerstört, bevor er das Auto erreicht. Auch dieser Angriff erfolgte auf einer Route, die als sicher abgestimmt worden war. Hinds Stimme wird leiser. Irgendwann antwortet sie nicht mehr. Erst zwölf Tage später, nachdem israelische Truppen das Gebiet verlassen haben, wird der Wagen gefunden. Hind Rajab und ihre Familie wurden von Kugeln durchsiebt.
Dokumentiert und folgenlos
Der Ablauf ist ungewöhnlich gut dokumentiert: die Hilferufe, die Zeitfenster, die Koordinaten, der gescheiterte Rettungsversuch. Und doch bleibt etwas Entscheidendes aus: Konsequenz. Eine unabhängige Untersuchung wurde nicht eingeleitet. Verantwortung wurde nicht übernommen. Die Ermordung des Kindes wurde bedauert und dann ad acta gelegt. Ihre Mörder jedoch sind auf freiem Fuß und genießen ihr Leben.
Internationale Expertinnen bewerteten den Vorfall als Kriegsverbrechen. Angehörige und Unterstützer reichten später eine Anzeige beim Internationalen Strafgerichtshof ein. Auch das änderte nichts an der politischen Stille und daran, dass es international keine Konsequenzen gab und erst Recht nicht in Israel, wo die Mörder von Palästinensern eher gefeiert als betraft werden. Dass Hind Rajab dennoch bekannt wurde, ist die Ausnahme und genau darin liegt ihre Bedeutung.
An wen sich erinnert wird und an wen nicht
Kriege produzieren nicht nur Tote, sie produzieren Ordnung. Eine Ordnung der Sichtbarkeit. Manche Namen bleiben, andere verschwinden. Manche Leben werden betrauert, andere verwaltet. Erinnerung ist kein natürlicher Prozess. Sie ist politisch.
In Deutschland ist diese Politik der Erinnerung besonders ausgeprägt. Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ist zu Recht zentraler Bestandteil der politischen Kultur. Die Verantwortung für die Verbrechen der Vergangenheit prägt Sprache, Rituale und staatliche Erinnerungskultur. Doch statt aus der eigenen Geschichte die Erkenntnis zu ziehen, dass jedes Menschenleben es wert ist, geschützt zu werden, wird in Deutschland auch in aktuellen Kriegen nur jenen gedacht, die ins eigene Weltbild passen. Den getöteten Deutschen vom 07. Oktober wird gedacht, die von Israel in Gaza getöteten Deutschen werden größtenteils ignoriert.
Wenn israelische Kinder getötet werden, werden ihre Namen genannt und ihre Geschichten erzählt, wenn palästinensische Kinder getötet werden, bleiben ihre Namen meist ungenannt. Sie erscheinen in Zahlen, nicht in Reden. Ihr Tod wird, wenn überhaupt, abstrahiert und relativiert. Die Sprache ist vorsichtig, distanziert, entpersonalisiert. Wo Namen fehlen, fehlt Nähe. Wo Nähe fehlt, bleibt Verantwortung abstrakt.
Deutschlands Schweigen
Der Fall Hind Rajab durchbrach diese Ordnung kurzzeitig. Nicht, weil Deutschland sich entschieden hätte, genauer hinzusehen, sondern weil das Sterben dieses einen Kindes dokumentiert war. Weil ihre Stimme aufgezeichnet wurde. Weil ihr Warten hörbar war, ihr Leid spürbar. Gedenken wurde nicht gewährt, es zwang sich gegen alle Widerstände an die Öffentlichkeit.
Doch selbst dann blieb die politische Reaktion zurückhaltend. Weder im Bundestag noch in offiziellen Stellungnahmen wurde Hind Rajab öffentlich genannt. Ihr Tod blieb Teil einer allgemeinen Rhetorik, ohne Namen, ohne Gesicht, ohne Folgen. Die Bundesregierung bekräftigte Israels Recht auf Selbstverteidigung und verwies allgemein auf die Einhaltung des humanitären Völkerrechts. Der konkrete Fall wurde nicht zum Maßstab politischer Forderungen.
Diese Zurückhaltung ist kein Zufall. Sie ist Ausdruck einer politischen Kultur, in der Solidarität mit Israel wichtiger ist als die Benennung konkreter palästinensischer Opfer. Kritik wird vermieden und dies mit der Staatsräson begründet. Doch diese Logik macht blind für das Leid anderer, blind für das Leid der Palästinenser.
Erinnerung als Gegenwartsentscheidung
Erinnerung wird so selektiv. Das ist kein moralisches Versagen Einzelner. Es ist ein strukturelles Problem. Erinnerung funktioniert nicht nur rückwärts, sie wirkt in die Gegenwart. Sie entscheidet, wessen Leben als betrauernswert gilt und wessen Tod ignoriert wird. Wo Empathie selektiv wird, verliert auch das Recht seinen universellen Anspruch. Wem gedacht wird, wer öffentlich gewürdigt wird, ist nicht nur eine Entscheidung mit Auswirkungen auf die Getöteten, sondern sagt viel aus über die politischen Realitäten.
Hind Rajab wurde nicht ermordet, weil ihr Name bekannt war. Er wurde es erst danach. Sie wurde bekannt, nicht weil man palästinensischen Kindern gedenken wollte, sondern weil ihr Fall so offensichtlich war, die Brutalität und das Ausmaß so schockierend. Hind wurde bekannt, weil die Welt nicht an ihrem Gesicht und ihrer Stimme vorbeikam. Viele andere palästinensische Kinder hatten dieses „Glück“ nicht. Sie wurden ermordet, ohne Stimme, ohne Dokumentation, ohne Erinnerung. Dass Hind erinnert wird, sagt daher weniger über besondere Anteilnahme aus als über die Ausnahme, die sie darstellt.
Jahrestage geben keine Antworten. Sie sind Pausen. Sie zwingen dazu, stehen zu bleiben und zurückzublicken, nicht nur auf das Geschehene, sondern auf das, was daraus folgt. Zwei Jahre nach dem Tod von Hind Rajab ist ihr Name noch bekannt. Aber nicht, weil Gedenken an Palästinenser selbstverständlich wäre. Sondern weil sie sich dem Vergessen widersetzt hat. Weil ihr Tod nicht vollständig abstrahiert werden konnte. Doch Erinnerung, die vom Zufall abhängt, ist keine verlässliche Erinnerung. Sie schützt nicht. Sie tröstet nicht. Sie beruhigt nur das Gewissen derer, die entscheiden, wessen Leid sichtbar sein darf.
Deutschland versteht sich als moralischer Akteur in der Weltpolitik. Als Verteidiger einer regelbasierten Ordnung. Doch Regeln und Werte verlieren ihre Glaubwürdigkeit, wenn Erinnerung selektiv wird, wenn sie dort endet, wo politische Bündnisse beginnen.
Hind Rajab wurde ermordet.
Dass ihr Name heute noch bekannt ist, ist kein Beweis für eine funktionierende Erinnerungskultur. Es ist ein Zufall. Und dieser Zufall sagt mehr über Deutschland aus als über sie




