Der deutsche Kolonialismus gilt vielen als randständiges Kapitel der Geschichte, kurz, vergangen und ohne Auswirkungen auf die Gegenwart. Prof. Henning Melber widerspricht dieser Sicht entschieden. In seinem Buch „Der lange Schatten des deutschen Kolonialismus“ zeigt er, wie koloniale Gewalt, rassistische Denkweisen und politische Kontinuitäten bis heute nachwirken, in den ehemaligen Kolonien ebenso wie in der deutschen Erinnerungskultur. Im Gespräch mit etos.media spricht Melber über den Titel seines Buches, über Völkermord, Landraub und koloniale Mythen, über Halbherzigkeit im politischen Umgang mit Verantwortung und darüber, warum eine ernsthafte Aufarbeitung des Kolonialismus keine Relativierung des Holocaust ist, sondern im Gegenteil zu seinem besseren Verständnis beiträgt.
etos.media: Du hast vor Kurzem das Buch Der lange Schatten des deutschen Kolonialismus veröffentlicht. Was können wir uns unter diesem Titel vorstellen? Was ist damit gemeint?
Henning Melber: Der Titel verweist auf zweierlei. Zum einen darauf, dass es diesen Schatten gibt und dass er bis heute existiert. Vieles aus der kolonialen Vergangenheit wirkt fort, oft unterhalb der bewussten Wahrnehmung. Mit „unter uns“ meine ich Menschen, die heute in Deutschland leben und von diesen historischen Prägungen beeinflusst sind, ohne sich dessen unbedingt bewusst zu sein. Bildlich gesprochen: Der deutsche Kolonialismus ist zwar seit über hundert Jahren formal beendet. Deutschland musste nach dem Ersten Weltkrieg seine Kolonien aufgeben, diesen sogenannten „Platz an der Sonne“. Aber der Schatten, den dieser Anspruch und die damit verbundenen Gewaltverhältnisse geworfen haben, besteht bis heute fort.
Das Buch rekapituliert zwar die Geschichte des deutschen Kolonialismus, aber das ist nicht sein eigentliches Hauptanliegen. Es geht nicht primär um historische Abwehr oder Rechtfertigung, sondern um uns selbst: darum, inwieweit wir koloniale Denkweisen verinnerlicht haben und sie, oft unbewusst, bis heute reproduzieren. Das Buch ist also ausdrücklich gegenwartsbezogen.
etos.media: Wenn man sich in Deutschland in Schule oder Politik mit dem deutschen Kolonialismus beschäftigt, geht es meist höchstens um den Genozid an den Herero und Nama und vielleicht noch um die Niederschlagung des Boxeraufstands. Wie wird der deutsche Kolonialismus außerhalb Deutschlands, insbesondere in den ehemaligen Kolonialgebieten, wahrgenommen?
Henning Melber: Diese Wahrnehmung ist sehr unterschiedlich und hängt stark von den jeweiligen historischen Erfahrungen ab. In Namibia ist der Völkermord an den OvaHerero und Nama aus naheliegenden Gründen bis heute keine abgeschlossene Geschichte, sondern gelebte Gegenwart. Er gilt als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts, und die Folgen sind nach wie vor spürbar. Seit mehr als zehn Jahren wird zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der namibischen Regierung darüber verhandelt, wie mit dieser Geschichte umzugehen ist. Auch nachdem Deutschland anerkannt hat, dass das, was in Deutsch-Südwestafrika geschehen ist, aus heutiger Perspektive als Völkermord zu bewerten ist, bleibt die zentrale Frage der materiellen und symbolischen Folgen dieses Eingeständnisses weitgehend ungelöst.
etos.media: Du hast eben Namibia hervorgehoben. Warum ist gerade dort so deutlich sichtbar, dass Kolonialismus keine abgeschlossene Vergangenheit ist?
Henning Melber: Ein besonders deutliches Beispiel ist die Landfrage: Rund 48 Prozent des Landes in Namibia befinden sich bis heute in privatem Besitz, und etwa 70 Prozent dieses privaten Farmlandes gehören weißen Eigentümerinnen und Eigentümern, viele davon deutschsprachig. Allein diese Landverteilung macht deutlich, dass Kolonialismus dort nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart ist. Für die Nachfahren der Opfer ist die Rückgabe des geraubten Landes als reparative Gerechtigkeit eine der zentralen Forderungen. Der Kolonialismus bleibt in der Landfrage nicht nur Erinnerung, sondern konkrete soziale Realität.
etos.media: Oft ist von unterschiedlichen kolonialen Erfahrungen die Rede. Inwiefern unterscheiden sich Wahrnehmung und Erinnerung an den deutschen Kolonialismus zwischen den einzelnen ehemaligen Kolonien?
Henning Melber: In anderen ehemaligen deutschen Kolonien ist die Wahrnehmung ambivalenter. In Togo etwa gab es eine lange und prägende Präsenz deutscher Missionsgesellschaften und eine relativ große Zahl von Togolesen wurden im Kaiserreich ausgebildet. Das führte dazu, dass sich unter diesen teilweise eine eher affirmative Haltung gegenüber dem Deutschtum entwickelte. Bis heute ist ein sichtbares Ergebnis des kulturellen Einflusses, dass der deutschen Sprache mächtige togolesische Sozialwissenschaftler und Germanisten international hohes Ansehen genießen. Solche Beispiele verdeutlichen, dass koloniale Verhältnisse nicht nur unmittelbare Opfererfahrungen hervorgebracht haben, sondern auch verinnerlichte, teilweise positive Zuschreibungen.
Nach der Übergabe der deutschen Kolonien als Mandatsgebiete an andere Kolonialmächte wurde von den Kolonisierten zudem häufig behauptet, die Deutschen seien weniger brutal gewesen als ihre Nachfolger. Empirisch hält das nicht stand, ist aber bis heute ein wirkmächtiges Argument – auch in Deutschland, wo es genutzt wird, um die eigene koloniale Verantwortung zu relativieren.
etos.media: Welche Rolle spielen koloniale Gewalt und rechtliche Willkür, etwa in Kamerun, für das heutige Verständnis?
Henning Melber: In Kamerun kam es noch nach Beginn des Ersten Weltkriegs zu Hinrichtungen aufgrund konstruierter Hochverratsvorwürfe. Es war ein Justizskandal, der bis heute nicht vollständig aufgearbeitet ist. Auch dort halten Debatten um die Rückgabe geraubter Kulturgüter die koloniale Vergangenheit lebendig.
In Deutsch-Ostafrika wiederum war die Zahl der direkt oder indirekt Getöteten besonders hoch. Während in Deutsch-Südwestafrika ein gezielter Völkermord stattfand, mit bis zu 100.000 Toten, kamen in Ostafrika mehrere hunderttausend Menschen ums Leben. Über Jahrzehnte herrschte dort ein Zustand permanenter Kriegsführung, kulminierend in der brutalen Niederschlagung des Widerstands der Wahehe und der Maji-Maji-Bewegung. Eine Politik der verbrannten Erde hatte katastrophale Folgen. General Lettow-Vorbeck zog bis Ende des ersten Weltkriegs mit seinen Askari-Söldnertruppen plündernd und brandschatzend durchs Land. Schätzungen zufolge wurden bis zu einer Million Menschen direkt oder indirekt durch den deutschen Kolonialismus umgebracht.
Oft wird argumentiert, man dürfe diese Gewalt nicht mit heutigen Maßstäben bewerten. Doch schon damals existierten völkerrechtliche Normen, etwa die Haager Landkriegsordnung. Die berühmte Rede Kaiser Wilhelms II. zum Boxeraufstand, in der er erklärte, es werde kein Pardon gegeben, widersprach diesen Regeln eindeutig. Reichstagsdebatten zeigen zudem, dass es ein zeitgenössisches Unrechtsbewusstsein gab. August Bebel ist das bekannteste Beispiel, aber nicht das einzige. Es gab Stimmen, die klar sagten: Es sind doch auch Menschen.
etos.media: Wie würdest du den heutigen Umgang Deutschlands mit diesem kolonialen Erbe beschreiben?
Henning Melber: Fairerweise muss man sagen, dass sich einiges verändert hat. Dank einer wachen Zivilgesellschaft, postkolonialer und afrodeutscher Initiativen und kritischer Forschung seit den 1990er Jahren ist der deutsche Kolonialismus heute stärker im öffentlichen Diskurs präsent. Umbenennungen von Straßen, Schulen oder Kasernen, Restitutionen geraubter Kulturgüter und die Rückführung menschlicher Gebeine – etwa nach Namibia – sind Fortschritte. Auch die Tatsache, dass wir dieses Gespräch führen, ist Ausdruck dieser Entwicklung.
Gleichzeitig bleibt vieles halbherzig. Es fehlt ein umfassendes Schuldeingeständnis und glaubwürdige Zeichen tief empfundener Reue. Kein deutscher Bundeskanzler, kein Bundespräsident und kein Außenminister hat bei Besuchen in Namibia einen symbolischen Akt vollzogen, der mit Willy Brandts Kniefall in Warschau vergleichbar wäre. Für die Nachfahren der Opfer geht es dabei nicht allein um materielle Entschädigung, sondern um Anerkennung, Würde, ein ehrliches Eingeständnis von Schuld und Ausdruck empfundener Reue.
Häufig wird eingewandt, eine stärkere Beschäftigung mit dem Kolonialismus relativiere den Holocaust. Ich halte dieses Argument für falsch. Wer den Holocaust ernsthaft verstehen will, muss auch seine Vorgeschichten betrachten. Raphael Lemkin, der den Begriff des Völkermords prägte, verwies ausdrücklich auf koloniale Verbrechen, unter anderem in Deutsch-Südwestafrika. Hannah Arendt argumentierte, dass die Wurzeln totaler Herrschaft auch in kolonialen Gewaltpraktiken liegen. Das bedeutet nicht, dass es einen direkten Weg von Windhoek nach Auschwitz gab, aber es gab Kontinuitäten, in rassistischen Ideologien, in Entmenschlichung und in Gewaltpraktiken.
Deshalb plädiere ich dafür, den Kolonialismus als integralen Bestandteil deutscher Erinnerungskultur zu begreifen, neben der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem DDR-Unrecht. Das abzulehnen mit dem Argument der Holocaust-Relativierung, ist eine Verweigerungshaltung. Sie vermeidet, Verantwortung für begangenes koloniales Unrecht zu übernehmen.
etos.media: Wo siehst du dabei die größten Leerstellen oder Versäumnisse im politischen und gesellschaftlichen Umgang mit kolonialer Verantwortung?
Henning Melber: Der lange Schatten des Kolonialismus zeigt sich heute vor allem in dieser Halbherzigkeit: in symbolischer Leere, in zögerlicher Anerkennung, in der Weigerung, koloniale Kontinuitäten konsequent anzuerkennen. Wir haben diese Vergangenheit nicht hinter uns gelassen. Wir versuchen, uns ihren Folgen zu stellen, aber oft ohne die nötige Konsequenz.
Zum Abschluss ist mir eines besonders wichtig: Dieses Buch spricht nicht für die Betroffenen des Kolonialismus, sie können und sollen für sich selbst sprechen. Es richtet sich an uns. Es fordert Selbstkritik, Zuhören und die Bereitschaft, die eigenen Verstrickungen zu erkennen. Wir sind alle in unterschiedlicher Weise vom Kolonialismus begünstigte Subjekte und von diesem infiziert. Der vielleicht längste Weg ist der nach innen. Wenn wir es ernst meinen mit der Auseinandersetzung mit kolonialen Widersprüchen, müssen wir diesen Weg gehen, auch wenn er unbequem ist. Das Buch versteht sich als Einladung und Herausforderung, genau das zu tun.
Etos.media: Danke dir für das Gespräch.
Im Februar erscheint das neue Buch von Prof. Henning Melber zur „Geschichte Namibias“.



