Eurovision: Deutschland schützt Israel, Slowenien zeigt das Leid in Palästina – Künstler zeigen Haltung

Seit 2022 ist Russland infolge seines Angriffskrieges gegen die Ukraine von der Teilnahme ausgeschlossen, konkret durch den Ausschluss des staatlichen russischen Senders WGTRK aus der European Broadcasting Union (EBU). Die Niederlande, Spanien, Irland, Slowenien und Island hatten gefordert, dass dieselben Maßstäbe angesichts des Genozids in Gaza auch für den israelischen öffentlich-rechtlichen Sender KAN Anwendung finden, der ebenfalls Mitglied der EBU ist und den ESC für Israel überträgt. Das wurde jedoch durch den größten Beitragszahler des Wettbewerbs verhindert: Deutschland.

Dabei wurden seit Oktober 2023 mindestens 72.000 Menschen durch die israelische Armee in Gaza ermordet, darunter mehr als 20.000 Kinder. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung kommt zu dem Schluss, dass die Zahl der Todesfälle sogar deutlich höher liegt. Sie schätzen sie bis Oktober 2025 auf über 100.000. Für Deutschland dennoch kein Hindernis, Israel weiterhin eine Carte blanche auszustellen statt Menschenrechte konsequent und für alle Menschen gleichermaßen hochzuhalten. Wie bei zu vielen Gelegenheiten zuvor setzt Deutschland darauf, Israel vor jeglichen Folgen seiner Politik zu schützen, ungeachtet der Schwere der Verbrechen, die die rechte israelische Regierung zu verantworten hat.

Künstler und fünf Länder ziehen Konsequenzen

Die Niederlande, Spanien, Irland, Slowenien und Island zogen daraus ihre Schlüsse und kündigten den Rückzug aus dem Wettbewerb an. Rückendeckung erhielten sie von über 1.100 Künstlerinnen und Künstlern, darunter die früheren Eurovision-Sieger Emmelie de Forest und Charlie McGettigan sowie Brian Eno, Massive Attack und viele weitere, die gemeinsam erklärten: „Wir weigern uns, still zu sein, während Israels mörderische Gewalt den Soundtrack zur gleichzeitigen Vernichtung palästinensischer Leben liefert und palästinensische Stimmen systematisch zum Verstummen gebracht werden. Wir weigern uns zu schweigen, während Kinder in israelischen Gefängnissen Prügel erleiden, weil sie eine Melodie summen. Fast jede Bühne, jedes Studio, jede Buchhandlung und jede Universität in Gaza sind nur noch Schutt und Asche, unter deren Trümmern noch immer Tausende ermordeter Menschen liegen, denen ein würdiges Begräbnis verweigert wurde.“

Und unmissverständlich: „Wir weigern uns zu schweigen. Wir weigern uns, mitschuldig zu sein.“ Die Worte sind nicht metaphorisch gemeint. Hunderte Kinder sitzen ohne Anklagen in israelischen Gefängnissen, alle Universitäten in Gaza wurden ausgelöscht und Tausende Leichen liegen noch unter Trümmern, während die Menschen in Gaza weiterhin gezielt ausgehungert werden.

Ein deutscher Minister in Wien für Israel

Die Bundesregierung hingegen bezog eine unmissverständlich gegenteilige Position: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (CDU) kündigte an, zur Unterstützung Israels zum Eurovision Song Contest nach Wien zu reisen. Damit erklärt ein deutscher Kulturstaatsminister die Protektion eines Landes mit einer rechtsextremen Regierung zur kulturpolitischen Priorität – auf Kosten der Menschenrechte – und priorisiert damit nebenbei den Beitrag eines anderen Landes höher als die Künstlerin jenes Landes, dessen Kulturminister er selbst ist.

Slowenien: Stimmen der Leidenden aus Palästina statt Eurovision

Den entgegengesetzten Kurs wählte Slowenien. Der öffentlich-rechtliche Sender RTV Slovenia überlässt den Sendeplatz, an dem sonst der Eurovision Song Contest laufen würde, nicht etwa dem Nichts, sondern füllt ihn mit der Filmreihe „Voices of Palestine“ (auf Slowenisch „Glasovi Palestine“). Direktorin Ksenija Horvat erklärte gegenüber der Associated Press unmissverständlich: „Wir werden den Eurovision Song Contest nicht übertragen. Wir werden stattdessen die Filmreihe ‚Voices of Palestine‘ ausstrahlen, mit palästinensischen Dokumentar- und Spielfilmen.“

Die Entscheidung kam nicht aus dem Nichts. RTV Slovenija hatte zuvor in der EBU-Generalversammlung eine geheime Abstimmung über die Teilnahme Israels gefordert, eine Forderung, die abgelehnt wurde. Erst nachdem die institutionellen Wege erschöpft waren und die vorgeschlagenen Anpassungen rund um Israels Teilnahme als unzureichend bewertet wurden, zog der slowenische Sender gemeinsam mit den Sendern der anderen vier Länder den Schritt zum vollständigen Rückzug. Vom 10. bis 20. Mai, dem Zeitraum, in dem auch die Halbfinals und das Finale in Wien stattfinden, zeigt der Sender unter anderem den Oscar-prämierten Dokumentarfilm „No Other Land“ sowie den für den Oscar nominierten „The Voice of Hind Rajab“, begleitet von mehreren Diskussionssendungen, die „die Geschichten der Menschen und den breiteren Kontext der aktuellen Ereignisse im Nahen Osten beleuchten“ sollen. Die beiden gezeigten Filme stehen dabei sinnbildlich für das Leid in Palästina.

„No Other Land“ ist eine palästinensisch-israelische Gemeinschaftsproduktion der Regisseure Basel Adra, Hamdan Ballal, Yuval Abraham und Rachel Szor, die die gewaltsame Vertreibung palästinensischer Familien aus der Region Masafer Yatta im besetzten Westjordanland dokumentiert: Häuser werden mit Bulldozern abgerissen, weil das Gebiet vor Jahrzehnten zum israelischen Truppenübungsplatz erklärt wurde. Bewohnerinnen und Bewohner werden vertrieben, Gewalttaten von Siedlern und Soldaten gefilmt. Die Macher des Films wurden dabei in Deutschland für die Verwendung des Worts Genozid diffamiert.

„The Voice of Hind Rajab“ der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania rekonstruiert das Schicksal der sechsjährigen Hind Rajab, die am 29. Januar 2024 in einem Auto im Norden Gazas eingeschlossen war, zwischen den Leichen ihrer Tante, ihres Onkels und ihrer Cousins und Cousinen, nachdem das Fahrzeug vom israelischen Militär beschossen worden war. Über dreieinhalb Stunden hielt sie telefonischen Kontakt zum Palästinensischen Roten Halbmond und bat um Rettung. Der Krankenwagen, der mit zuvor abgestimmter sicherer Durchfahrt zu ihr unterwegs war, wurde wenige Meter vom Auto entfernt zerstört, die beiden Sanitäter wurden getötet. Erst zwölf Tage später, nach dem Abzug der israelischen Truppen, fand man Hind Rajab und ihre Familie. Der Film verwendet die echten Tonaufnahmen ihrer Notrufe.

Statt den Eurovision also einfach abzusetzen, ersetzt der slowenische Rundfunk es durch palästinensische Stimmen, durch konkrete Geschichten, durch Namen und Gesichter. Das ist mehr als nur eine Absage an den Wettbewerb, es ist eine bewusste Entscheidung: Statt Normalisierung soll die Zeit jenen gewidmet werden, deren Bühnen, Studios und Universitäten in Trümmern liegen, jenen, die ihr Leben verloren. RTV zeigt, wie man Menschenrechte und Haltung mit konsequentem Handeln verbindet.

Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.

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3 Kommentare

  1. Wenn das stimmt, was Ihr schreibt, dass Kulturstaatsminister Weimer extra nach Wien fährt bzw. gefahren ist, um seine Unterstützung für die Teilnahme Israels am ESC zu bekunden, muß er umgehend entlassen werden. Dieser Typ ist von der Israel-Lobby gekauft. Das zeigte schon seine Reaktion auf der letzten Berlinale auf den Preisgewinn des syrisch-palästinensischen Regisseurs.

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