Industrie, Militär und Finanzmacht im Zeitalter systemischer Konkurrenz
Die Debatte über die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik wird derzeit häufig in Kategorien von Persönlichkeit, Stil oder kurzfristiger Eskalation geführt. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass sich hinter den sichtbaren Konflikten eine tiefere strukturelle Verschiebung vollzieht. Die Vereinigten Staaten reagieren nicht nur auf geopolitische Herausforderungen, sondern auf eine materielle Begrenzung ihrer eigenen Machtbasis – industriell, militärisch und finanziell. Der Aufstieg Chinas hat diese Begrenzung nicht verursacht, aber offengelegt und verschärft.
Was sich unter Trump nun deutlicher abzeichnet, ist daher weniger ein abrupter Kurswechsel als eine strategische Neuvermessung amerikanischer Macht. Sie reicht von der Reorganisation globaler Lieferketten über die militärische Priorisierung der westlichen Hemisphäre bis zur Neujustierung des Wettbewerbs mit China. Der folgende Zweiteiler analysiert diese Verschiebung in zwei Schritten: zunächst als Ergebnis einer finanzkapitalistischen Globalisierung, die die industrielle Basis der USA ausgedünnt hat, und sodann als Versuch, aus dieser Verwundbarkeit eine neue Form von Stärke zu entwickeln.
Teil I: Abhängige Hegemonie – Wie die Globalisierung die industrielle Basis amerikanischer Macht untergrub
Über Jahrzehnte war die westliche China-Strategie von einer stillschweigenden Gewissheit getragen: China sollte produzieren, der Westen kontrollieren. Die Volksrepublik fungierte als Werkbank und als wachsender Absatzmarkt, nicht aber als gleichrangiger Machtfaktor. Technologie, Kapital, Standards und strategische Entscheidungshoheit lagen im Westen, vor allem in den USA. Diese Arbeitsteilung erschien effizient, stabil und politisch folgenlos.
Dass Chinas wirtschaftlicher Aufstieg diese Ordnung verändern würde, war in Washington keineswegs unbekannt. Er wurde früh registriert – zunächst als Wettbewerbsproblem, später als geopolitische Herausforderung. Lange jedoch blieb die Diagnose unvollständig. China galt als aufholender Akteur innerhalb einer von den USA gesetzten Ordnung, nicht als Macht, die diese Ordnung materiell unterlaufen könnte. Der Blick richtete sich auf Handelsdefizite, Marktabschottung und Technologietransfer, nicht auf die Frage, wo die industrielle Basis amerikanischer Macht tatsächlich verankert war.
Diese Blindstelle hing eng mit der Durchsetzung des Finanzkapitalismus zusammen. In der Logik globaler Renditeoptimierung galt Industrie zunehmend als austauschbar. Ausgelagert wurden nicht nur einfache Tätigkeiten, sondern ganze industrielle Wertschöpfungsstufen: Metallurgie, Chemie, Maschinenbau, industrielle Vor- und Zwischenprodukte. China nutzte diese Öffnung nicht nur, um günstiger zu produzieren, sondern um industrielle Tiefe, Prozesswissen und Skalierungsfähigkeit aufzubauen – genau in jenen Bereichen, die der Westen für nachrangig hielt. Dieses finanzkapitalistische Outsourcing trug zugleich zum Niedergang industrieller Zentren in den USA selbst bei und beschleunigte die soziale und politische Spaltung des Landes, wie sie sich bis heute in den ehemaligen Industrie- und Rust-Belt-Regionen niederschlägt.
Inzwischen ist unübersehbar, dass China in vielen industriellen Feldern nicht nur quantitativ aufgeholt hat, sondern qualitativ marktführend oder mindestens ebenbürtig geworden ist: in der Batterietechnik, in Teilen der Mikroelektronik, im Maschinenbau, in der industriellen Automatisierung und zunehmend auch bei Anwendungen der künstlichen Intelligenz. Der systemische Rivale ist nicht mehr bloß Zulieferer, sondern technologischer Konkurrent – und zugleich Gatekeeper zentraler Produktionsstufen.
Mit dieser Entwicklung traten auch die Abhängigkeiten der US-Wirtschaft insgesamt deutlicher hervor. Lieferketten begannen nicht irgendwo in der Welt, sondern häufig in China: bei industriellen Vorprodukten, Zwischenverarbeitung, Spezialchemikalien, Maschinen und Komponenten. Diese Abhängigkeiten wurden lange hingenommen, solange sie als effizient galten und keine offenen politischen Kosten verursachten. Unter der Biden-Administration rückte dieses Problem dann erstmals programmatisch ins Zentrum. Sicherheitsberater Jake Sullivan hatte die Fragilität globaler Lieferketten bereits 2023 thematisiert und 2024 bei Brookings weiter zugespitzt – nun ausdrücklich als strategisches Risiko, das aus der bisherigen Form der Globalisierung selbst hervorgegangen war.
Am schärfsten traf diese Erkenntnis den Kern amerikanischer Macht: die Rüstungsindustrie. Moderne Waffensysteme sind keine abstrakten Hightech-Gebilde. Sie sind industrielle Systeme. Kampfflugzeuge, Raketen, Drohnen und Sensorplattformen benötigen Speziallegierungen, Hochleistungselektronik, präzise gefertigte Bauteile – und in vielen Fällen seltene Erden.
Ein F-35 enthält rund 400 Kilogramm seltene-erden-haltiger Materialien – in Hochleistungsmagneten für Aktuatoren, Steuerungen und Antriebssysteme. Doch die Abhängigkeit liegt nicht im Abbau, sondern in der Verarbeitung: China kontrolliert über 90 Prozent der Trennung, Legierung und Magnetfertigung. Diese Prozessfähigkeit lässt sich nicht kurzfristig ersetzen. Es geht also nicht nur um Rohstoffbesitz, sondern um industrielle Kompetenz.
Hier begann das strategische Umdenken. Interne Pentagon-Simulationen eines Taiwan-Konflikts zeigten wiederholt hohe US-Verluste und keine klaren Siegszenarien – insbesondere in den ersten Kriegstagen, wenn Chinas Masse an Raketen, Drohnen und Schiffen maximalen Vorteil hat. Nicht Chinas Stärke war neu. Neu war die Einsicht in die eigene operative Verwundbarkeit.
Doch selbst wenn eine solche Anfangsphase militärisch überstanden würde, stellte sich eine zweite, strukturelle Frage: die der industriellen Durchhaltefähigkeit. Ein länger andauernder, materialintensiver Konflikt – das hatte gerade der Krieg in der Ukraine wieder vor Augen geführt – würde Ersatzteile, Munition, Elektronik und Spezialkomponenten in großen Mengen erfordern. Genau hier bleiben zentrale Lieferketten mit China verflochten. Die Grenze amerikanischer Macht liegt damit nicht nur im Gefecht, sondern in der längerfristigen Aufrechterhaltung der Gefechstfähigkeit.
Vor diesem Hintergrund muss auch der Kurs unter Donald Trump nüchterner gelesen werden. Programmtisch war zunächst ein klar konfrontativer Ansatz zu erwarten, und tatsächlich setzte Trump früh auf Zölle und Eskalation. Die Reaktion kam prompt: Nachdem China 2025 andeutete, Exporte seltener Erden für militärische Anwendungen zu beschränken, wechselte Washington zu einem vorsichtigeren Kurs. Die National Defense Strategy 2025 vermied erstmals eine direkte Zuspitzung gegenüber China; stattdessen rückte ‘strategische Stabilität’ und ‘Risikobegrenzung’ in den Vordergrund.
Dass Trump – ausgerechnet Trump, der China offen konfrontieren wollte – als erster Präsident sichtbar zurückstecken musste, markiert den symbolischen Bruch. Die stärkste Militärmacht, die dieser Planet je gesehen hat, musste erkennen, dass sie auf einer industriellen Basis operiert, die sie selbst ausgehöhlt hat – und dass sie in einem langen Konflikt auf tönernen Füßen steht.
Damit ist das fundamentale Problem benannt. Die USA sehen sich mit den Folgen einer Globalisierung konfrontiert, die unter finanzkapitalistischen Vorzeichen nicht nur ihre industrielle Souveränität untergraben, sondern auch die materielle Grundlage ihrer militärischen Macht geschwächt hat – jenes Instrument also, auf das sie sich in der internationalen Arena jahrzehntelang als letzte und entscheidende Machtressource verlassen haben.
Amerikanische Macht beruhte jedoch nie allein auf militärischer Überlegenheit, sondern ebenso auf der Fähigkeit, diese dauerhaft zu finanzieren. Militärische Dominanz und finanzielle Tragfähigkeit bildeten die beiden Pfeiler amerikanischer Hegemonie.
Aus dieser doppelten Verwundbarkeit – industriell und militärisch, materiell und finanziell – erwächst kein einfacher Rückzug, sondern eine strategische Neuvermessung amerikanischer Macht. Wie diese Neujustierung aussieht und welche Rolle dabei die westliche Hemisphäre spielt, ist Gegenstand des zweiten Teils.
Ein Beitrag von Arno Gottschalk, Mitglied der Bremischen Bürgerschaft – Landtag der Freien Hansestadt Bremen – Haushalts- und finanzpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion



