Afghanistan unter den Taliban: Geschlechterapartheid, patriarchale Herrschaft und der Kampf um Rohstoffe. Warum die Unterdrückung der Frauen weder kulturelle Eigenheit noch bloß religiöser Fanatismus ist. Der Soziologe Willy Sabautzki über die materiellen Grundlagen der Taliban-Herrschaft.
Seit der Rückkehr der Taliban an die Macht im August 2021 ist Afghanistan das Land mit der weltweit rigidesten staatlich verordneten Geschlechterapartheid. Mädchen ist der Besuch weiterführender Schulen und Universitäten untersagt, Frauen dürfen die meisten Berufe nicht ausüben, öffentliche Räume nur mit männlichem „Mahram“ betreten und seit 2024 nicht einmal mehr singen oder den Koran öffentlich rezitieren. 2025 wurden zusätzlich Kosmetiksalons und ein Frauenradiosender geschlossen sowie Lehrbücher von Autorinnen aus Universitätscurricula gestrichen, während Sittenkomitees Razzien an Arbeitsplätzen durchführen.[1]
Eine marxistische Analyse darf sich weder in moralischer Empörung erschöpfen noch – wie Teile eines schematischen „Antiimperialismus“ – die Frauenunterdrückung als westliches Ablenkungsmanöver relativieren. Nötig ist eine materialistische Erklärung von Klassencharakter, ökonomischer Basis und politischer Funktion dieser Herrschaft.
Zur Wahl des Titels
Der Titel greift Karl Marx’ berühmte Formel von der Religion als „Opium des Volks“ auf: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks“. (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, MEW, Bd. 1, S. 378)
Marx entlarvt darin die religiöse Rechtfertigung explizit als Bewusstseinsverschleierung: Sie begründet reale Herrschaftsverhältnisse nicht, sondern verdeckt sie nachträglich. Am Beispiel der Taliban ist es die patriarchale Kontrolle über weibliche Arbeitskraft, Fortpflanzung und die wenigen zirkulierenden ökonomischen Ressourcen. Der Titel funktioniert als doppelte Pointe: Während die Ideologie des verblendeten Gottesstaats die Rechtlosstellung der Frauen als religiöses Gebot ausgibt, beruht die materielle Basis dieser Herrschaft faktisch auf dem Handel mit echtem Opium – Ideologie und ökonomische Basis fallen im Titel zusammen.
Klassenbasis und ökonomische Grundlage
Die Taliban sind keine bürgerliche Bewegung, sondern der politische Ausdruck eines kleinbäuerlich-klerikalen Blocks aus verarmten Bauern, religiösen Kadern und paschtunischen Stammesstrukturen.
Zum besseren Verständnis ihrer Entstehung sind die qualitativen Unterschiede zwischen sowjetischer Intervention und amerikanischer Subversionsstrategie. Die 1978 an die Macht gelangte, später sowjetisch gestützte Demokratische Volkspartei Afghanistans trieb eine reale Modernisierung voran: Landreform, Schuldenerlass für Bauern, Verbot von Brautgeld und Wucherzins, eine Alphabetisierungskampagne, die erstmals systematisch auch Mädchen erfasste, Koedukation und die formale rechtliche Gleichstellung der Geschlechter.[2] Exakt gegen diesen Angriff auf feudale Grundherrschaft und klerikale Autorität über Ehe, Erziehung und Landbesitz formierte sich der bewaffnete Widerstand der späteren Mudschaheddin.
Die sowjetische Intervention in Afghanistan begann am 25. Dezember 1979 und dauerte bis zum 15. Februar 1989. Die Sowjetunion marschierte ein, um das instabile kommunistische Regime in Kabul zu stützen, was einen neunjährigen Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg gegen die von den USA unterstützten Mudschaheddin auslöste. Der US-Imperialismus trat dabei keineswegs zum Schutz afghanischer Frauen auf den Plan, sondern bewaffnete gezielt die reaktionärsten islamistischen Fraktionen als geostrategische Waffe gegen Moskau. Bereits am 3. Juli 1979 – fünf Monate vor dem sowjetischen Einmarsch – unterzeichnete Präsident Carter die erste Direktive zur verdeckten Aufrüstung der Mudschaheddin; koordiniert mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI und finanziert von Saudi-Arabien, bevorzugte das als „Operation Cyclone“ bekannte Programm systematisch die militantesten dschihadistischen Gruppen gegenüber gemäßigteren Kräften.[3]
US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski bestätigte Jahre später unverblümt das zynische Kalkül dahinter: Man habe der Sowjetunion bewusst „ihren eigenen Vietnamkrieg“ bescheren wollen und bereue die Entscheidung, den Einmarsch provoziert zu haben, nicht im Geringsten.[4]
Der Zerfall Afghanistans in Bürgerkrieg, Warlord-Herrschaft und schließlich Taliban-Gottesstaat war demzufolge das Ergebnis einer bewusst finanzierten Zerstörung eines säkularen Modernisierungsprojekts durch eine imperialistische Aggression, die das Schicksal afghanischer Frauen genauso mit Füßen getreten hat wie die heutigen Machteliten bei ihrer Rohstoffdiplomatie.
Als die Sowjetunion 1989 abzog, hielt sich die Regierung Nadschibullahs noch drei Jahre ohne fremde Truppen; erst als mit dem Ende des Kalten Krieges auch die amerikanischen Gelder an die Mudschaheddin versiegten, stürzte das Land endgültig in den Bürgerkrieg der Warlords, aus dem 1994 die von Pakistan geförderten Taliban hervorgingen.
Die materielle Reproduktion der heute herrschenden Taliban beruht weniger auf Kapitalakkumulation als auf einer Kriegs- und Rentenökonomie: Besteuerung des Opiumhandels, Zölle, Bergbaukonzessionen und, seit der Machtübernahme, direkte Kontrolle der Staatseinnahmen.[5] [6]
Diese Struktur produziert keine industrielle Arbeiterklasse, sondern konserviert vorkapitalistische, patriarchale Familien- und Eigentumsverhältnisse, in denen unbezahlte weibliche Arbeit der Dreh- und Angelpunkt ökonomischer Sicherheit bleibt.
Frauenunterdrückung als Herrschaftsinstrument
Die akute Rechtlosstellung der Frauen ist kein religiös-kulturelles Beiwerk, sondern die politisch-ökonomische Bedingung für den Fortbestand einer Gesellschaft, deren Reproduktion überwiegend aus unbezahlter Subsistenz-, Feld- und Sorgearbeit besteht. In einer Ökonomie ohne nennenswerten industriellen Sektor bildet die unentgeltliche Arbeit der Frauen – Feldarbeit, Viehhaltung, Wasser- und Brennholzbeschaffung, Kinderbetreuung, Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse – einen erheblichen Teil des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses, ohne je als Wert in Form von Lohn anerkannt zu werden; sie wird als „natürliche“ Pflicht im Haus des Familienoberhaupts naturalisiert.
Der Ausschluss von Bildung, Lohnarbeit und eigenem Vermögen verhindert systematisch, dass Frauen diese Arbeit gegen Entgelt anbieten, über eigenes Einkommen verfügen oder Erb- und Landrechte geltend machen können, und sichert so dem Familienpatriarchen sowie dem Klerus als Verwalter von Ehe-, Erb- und Vormundschaftsrecht die exklusive Kontrolle über weibliche Arbeitskraft, Fortpflanzung und die wenigen zirkulierenden ökonomischen Ressourcen – Brautgeld, Mitgift, Landtitel. Frauen werden dadurch buchstäblich zum Tauschmedium zwischen Familien und Stämmen, über das Allianzen, Schulden und Besitzansprüche reguliert werden.
Die verbreitete Zwangsverheiratung minderjähriger Mädchen ist der sichtbarste Ausdruck dieser Ökonomie des Frauentauschs. Der religiöse Überbau – Verschleierungsgebot, Bewegungs- und Bildungsverbot – rationalisiert und verrechtlicht diese ökonomische Enteignung nachträglich; er erzeugt sie nicht.
Auf dieser materiellen Basis ruhen zwei weitere, sekundäre Funktionen: Erstens verschafft die strikte Geschlechtertrennung den lokalen Kommandeuren und Klerikern ein Feld, auf dem sie sichtbar Autorität ausüben können – ein Ersatz für den fehlenden Staatsapparat und ausbleibende soziale Einrichtungen. Zweitens dient sie der Abgrenzung von „westlicher Dekadenz“, die gerade an der Stellung der Frau festgemacht wird, als identitätsstiftendes Element für das eigene Programm, als Gegenentwurf zur gescheiterten, korrupten Marionettenherrschaft der von der NATO gestützten Republik.
Die Rolle des US-Imperialismus
Im August 2026 wirbt Kabul offen um einen „Reset“ mit der Trump-Administration und bietet im Gegenzug für diplomatische Anerkennung Zugang zu den auf über eine Billion Dollar geschätzten Vorkommen an Lithium, Kupfer, Eisenerz und Seltenen Erden an – exakt jene Rohstoffe, um die Washington im globalen Wettlauf mit China konkurriert.
Die aggressiv auf Rohstoffsicherung drängende US-Administration findet dabei gegenüber der völkerrechtswidrigen Unterdrückung der afghanischen Frauen allenfalls beschönigende Worte. Nach dem chaotischen Abzug 2021 froren die USA rund 9,5 Milliarden Dollar afghanischer Zentralbankreserven ein. Weltbank und IWF stellten Zahlungen ein, und Entwicklungshilfe, die zuvor rund drei Viertel des Staatshaushalts finanzierte, brach weg.Bereits 2023 hatten die Taliban Bergbaukonzessionen im Wert von 6,5 Milliarden Dollar an Firmen mit ausländischer Kapitalbeteiligung vergeben.
Ein Zwischenfazit
Teile der westlichen Medien bezeichnen die Geschlechterapartheid als „kulturelle Eigenheit“. Klerikale Herrschaft hat aber mit nationaler Befreiung gar nichts zu tun. Ebenso durchsichtig ist die westliche Informationspolitik: Sie rückt das Leid afghanischer Frauen genau dann in den Vordergrund, wenn es darum geht, völkerrechtswidrige Sanktionspolitik gegen die Taliban zu rechtfertigen, sobald mit denselben Taliban über Rohstoffe und Migration verhandelt wird. Diese selektive Empörung ist keine Nebensache, sondern Kalkül: Frauenrechte werden zur Munition, wenn sie nützen, und zur Randnotiz, wenn expansive Ausbeutungsgeschäfte anstehen.
Trotz allem gibt es Hinweise darauf, dass afghanische Frauen trotz Verbots heimlich unterrichten, organisieren und protestieren. Die außenpolitischen Mandatsträger jener Staaten, die sich auf die Einhaltung des Völkerrechts berufen, sind dazu aufzufordern, ihrerseits die sofortige, bedingungslose Freigabe der eingefrorenen afghanischen Vermögenswerte für humanitäre Zwecke einzufordern, den eigenständigen Kampf der Frauen, Lohnabhängigen und Kleinbauern zu unterstützen und auf die unverzügliche Aufhebung der völkerrechtswidrigen Geschlechterapartheid zu drängen.
[1]Human Rights Watch, World Report 2026: Afghanistan, https://www.hrw.org/de/world-report/2026/country-chapters/afghanistan
[2]Afghanistan Analysts Network, Between Reform and Repression: The 60th Anniversary of the PDPA, https://www.afghanistan-analysts.org/en/reports/context-culture/between-reform-and-repression-the-60th-anniversary-of-the-pdpa/
[3]Wikipedia, Operation Cyclone, https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Cyclone
[4]The Real News Network, Brzezinski’s Afghan War and the Grand Chessboard, https://therealnews.com/zbrzezinski1218gpt2
[5]Florian Kühn, Die Drogenökonomie Afghanistans 2001–2021, Gutachten für den Deutschen Bundestag, https://www.bundestag.de/resource/blob/991070/Gutachten_Florian-Kuehn_Drogenoekonomie-Afghanistan_2001-2021.pdf
[6]The nature and extent of the Taliban’s involvement in the drug trade, Small Wars & Insurgencies, 2024, https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09592318.2024.2381847



