Carlo Masala – Ein Stratege der Gewalt

Carlo Masala - Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München, Talkshowliebling und Realist (Selbstbezeichnung)
| © Superbass / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Carlo Masala scheint allgegenwärtig: In seinen vielzähligen Auftritten – ob im Podcast, in Talkshows oder bei Thinktanks wie der DGAP – begegnet man ihm und ähnlichen “Experten” wie Frank Sauer, Christian Mölling, Claudia Major fortlaufend. Ein geschlossenes Meinungsfeld, das sich gegenseitig stets in der eigenen Linie bestärkt, ohne Widerspruch, ohne Gegenstimmen. Wir erleben eine monotone Konsensmaschine, die unter dem Deckmantel akademischer Seriosität die außenpolitische Agenda der NATO und Bundesregierung verteidigt.

Dabei präsentiert sich Carlo Masala seit Jahren als “neutraler Analyst” und “Realist”, obwohl er eher als prominentester Vertreter einer sicherheitspolitischen Linie zu sehen ist, die faktisch allein der Ideologie des Machterhalts der herrschenden globalen Eliten folgt. Was er präsentiert, ist gerade keine neutrale Analyse, keine wissenschaftlich ausgewogene Position, sondern eine politisch getönte, regierungsnahe Argumentation, die tief in einem sozialdarwinistischen Weltbild verankert ist. Masalas Denken kreist um ein einziges Axiom: Der Stärkere setzt sich durch. Wer das nicht akzeptiert, wird in seinem Diskurs entwertet, diskreditiert oder gleich als „russlandfreundlich“ abgestempelt.

Schon sein öffentlich gewähltes Profilbild – Tyrion Lannister aus Game of Thrones, von ihm selbst als „bester Stratege“ bezeichnet – spricht Bände. Es geht Masala nicht um sicherheitspolitische Verständigung, nicht um Pluralität der Sichtweisen, sondern um die Selbstinszenierung als intellektuelle Elitefigur, die sich über andere erhebt. Er positioniert sich nicht als Forscher, sondern als politischer Taktgeber in einem geopolitischen Spiel, in dem Kategorien wie Völkerrecht, Gewaltverzicht oder Diplomatie nur hinderliche Nebengeräusche sind.

Ein besonders bezeichnendes Beispiel für Masalas zynischen Umgang mit Völkerrecht lieferte seine Einordnung des israelischen Angriffskriegs gegen den Iran. Zwar erkennt er an, dass dieser völkerrechtswidrig sei, gleichzeitig spricht er ihm jedoch politische Legitimität zu. Dass Masala damit zwischen rechtlicher Illegalität und strategischer Rechtfertigung unterscheidet, zeigt, wie tief verwurzelt seine Haltung in der Logik der Macht ist. Völkerrecht zählt nur dann, wenn es in die geostrategische Linie westlicher Bündnisse passt, andernfalls wird es relativiert oder als irrelevanter Formalismus abgetan. Diese argumentative Flexibilität passt genau in sein Weltbild: Der Stärkere setzt sich durch, und wenn es die „Guten“ sind, gelten andere Maßstäbe als bei den „Bösen“.

Masalas angeblicher Realismus ist in Wahrheit zynischer Machtpragmatismus. Er stellt sich gerne als Analyst dar, der nur beschreibt, „wie die Welt ist“. Doch wer Begriffe wie Imperialismus benutzt, um Russland zu erklären, ignoriert oder verzerrt bewusst deren theoretische Herkunft. “Imperialismus” wurde im Rahmen der marxistischen Theorie-Entwicklung, insbesondere mit Lenins Schrift von 1916, zu einem gehaltvollen Begriff – systemisch, kapitalismuskritisch, historisch eingebettet in die Analyse des damaligen Monopolkapitalismus, der in die erste Weltkriegskatastrophe mündete. In Masalas übergriffiger Begriffs-Enteignung wird daraus ein bloßes Narrativ eines Strategen kognitiver Kriegführung, das jeden Versuch analytischer Differenzierung vermissen lässt. Die USA, deren weltweite Militäreinsätze, Stützpunkte und Interventionen unhinterfragt als legitim hingenommen werden, bilden dann bloß die “demokratische” Kontrastfolie.

Für Masala ist Russlands Krieg „imperialistisch”, westlicher Hegemonie-Anspruch aber reine „Demokratie-Verteidigung“. Dieser argumentative Doppelstandard ist nicht Analyse, sondern strategisch codierte Propaganda.

Noch problematischer ist sein Umgang mit anderen Stimmen. Masala diffamiert konsequent alle, die eine andere Sichtweise vertreten. Wer auf Diplomatie verweist, wer Waffenlieferungen kritisch sieht, wer das BSW wählt, wird zur „Russenpartei“ erklärt. Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft, die nicht in das NATO-konforme Weltbild passen, werden öffentlich der Nähe zu „russischen Narrativen“ bezichtigt – ein Vorwurf, der in heutigen Debatten einer gesellschaftlichen Ächtung gleichkommt. Das ist nicht Wissenschaft, das ist Herrschaft durch Diskurskontrolle.

In Wahrheit ist Masala also kein Analytiker, sondern ein politischer Funktionär des in der EU gerade vorherrschenden sicherheitspolitischen Status quo. Seine Rhetorik ist gefährlich, weil sie Kriegslogik normalisiert, militärische Dominanz legitimiert und jede Form friedenspolitischen Denkens als naiv abtut. Er steht nicht für Reflexion, sondern für die intellektuelle Verbrämung der Macht des Stärkeren.

Wer Frieden will, muss den Mut haben, sich solchen Stimmen entgegenzustellen. Nicht weil sie dumm sind – das sind sie nicht –, sondern weil sie uns mit analytischem Schein und strategischer Selbstinszenierung in eine Welt der Alternativlosigkeit führen, in der es keinen Platz für Diplomatie, Gerechtigkeit oder Empathie gibt. Eine Welt, in der nicht Menschenleben zählen, sondern nackte Herrschaftsinteressen.

Carlo Masala mag sich für den besten Strategen halten. Doch was er produziert, ist keine Strategie für die Menschheit, sondern ein Drehbuch für die Verewigung der Gewaltspirale – und damit für die Verunmöglichung von Zukunft.

Ein Beitrag von Nico Grönke

Dir gefällt der Artikel? Dann unterstütze doch unsere Arbeit, indem Du unseren unabhängigen Journalismus mit einer kleinen Spende per Überweisung oder Paypal stärkst. 

Folgt etos.media gerne auf Instagram oder X.

Zahlungsmethode auswählen
Persönliche Informationen

Spendensumme: 3,00€

Teilen:

Facebook
Twitter
Pinterest
LinkedIn
Freiheitsliebe Newsletter

Artikel und News direkt ins Postfach

Kein Spam, aktuell und informativ. Hinterlasse uns deine E-Mail, um regelmäßig Post von Freiheitsliebe zu erhalten.

Neuste Artikel

Abstimmung

Sollte Deutschland die Waffenlieferungen an Israel stoppen?

Ergebnis

Wird geladen ... Wird geladen ...
Weiterelesen

Ähnliche Artikel

Die Neuvermessung amerikanischer Macht

Industrie, Militär und Finanzmacht im Zeitalter systemischer Konkurrenz Die Debatte über die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik wird derzeit häufig in Kategorien von Persönlichkeit, Stil oder

Neukölln ist überall

Neukölln ist mehr als ein Berliner Bezirk – es ist ein politisches Brennglas. In ihrem Gastbeitrag zeigt Jorinde Schulz, Sprecherin der Linken Neukölln, wie sich