50 Jahre nach ihrer Ausrufung kämpft die Demokratische Arabische Republik Sahara noch immer um Unabhängigkeit – und gegen marokkanische Besatzung, geopolitische Deals mit den alten Kolonialisten und das Vergessen durch die internationale Öffentlichkeit. Während ein großer Teil der sahrauischen Bevölkerung im Exil lebt, organisiert sich die Gesellschaft in den Lagern selbst und hält am Recht auf Selbstbestimmung fest. Ben Francke erklärt, warum der Konflikt um die Westsahara bis heute ein ungelöstes Kapitel des Kolonialismus ist.
Am 27. Februar 1976 wurde die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) gegründet. Die Wüstenrepublik ist das Projekt der Unabhängigkeitsbewegung der Westsahara und ihrer zentralen Organisation – der Frente Polisario[1]. Die DARS entstand als Reaktion auf den 1974 von König Hassan II. erhobenen Anspruch, die Westsahara sei ein historisch legitimierter Teil Marokkos. Dieser Anspruch wurde durch eine Untersuchung des Internationalen Gerichtshofs einige Monate später zurückgewiesen. Die bis heute andauernde Exilierung großer Teile der sahrauischen Gesellschaft in Geflüchtetenlagern und die marokkanische Besatzung prägen die Realität der DARS, die 2002 außerdem Gründungsmitglied der Afrikanischen Union war. Vor dem Hintergrund ihrer Geschichte von Flucht und Vertreibung wird die Westsahara auch als „Refugee Nation“ bezeichnet – wie es der Wissenschaftler Pablo San Martin 2010 in seinem gleichnamigen Buch formuliert.
Von Spanien kolonisiert und Marokko besetzt
Die Westsahara wurde im Rahmen der Kongokonferenz 1884/85 eine spanische Kolonie. Zunächst war das spanische Interesse am Kernland eher gering; vielmehr war die strategische Absicherung der Seewege rund um die Kanarischen Inseln das Anliegen. Das änderte sich, als Spanien auf der Suche nach Phosphat für die Düngemittelproduktion ins Landesinnere vordrang. Die UN forderte Spanien ab 1963 wiederholt auf, die Kolonie in die Freiheit zu entlassen. Zeitgleich begannen die Sahrauis, sich politisch zu organisieren. Anfang der 1970er Jahre erlebte die bis dahin gewaltlose Unabhängigkeitsbewegung ihren Frantz-Fanon-Moment: Während der Zemla-Intifada in Laâyoune kam es zu Toten durch die Kugeln der spanischen Kolonialpolizei. Muhammad Bassiri, der Führer der Proteste, wurde verhaftet und verschwand. Drei Jahre später wurde die Frente Polisario ins Leben gerufen. In ihrer ersten Verlautbarung hieß es: „Die Freiheit kommt aus den Gewehrläufen“, womit das Ende des gewaltlosen Widerstands besiegelt war. Gründungsmitglied der Organisation und später erster Präsident der DARS war El-Ouali Mustapha Sayed. Er wurde nur 26 Jahre alt und bezahlte seinen Einsatz als Guerillaführer mit dem Leben. Bis heute gilt er als wichtige Symbolfigur des militanten Unabhängigkeitskampfes.

Als Spanien 1975 das Gebiet räumte, teilte es die Wüste in dem geheimen und völkerrechtswidrigen Abkommen von Madrid zwischen Marokko und Mauretanien auf. Mit einem inszenierten Marsch von Hunderttausenden Zivilist*innen unterstrich das Königreich am 6. November 1975 seinen Anspruch auf das Gebiet. Das Königshaus hatte gezielt internationale Journalist*innen eingeladen, um das Spektakel medial zu inszenieren und der Welt eine Botschaft zu senden: Die Sahara gehört Marokko. In der marokkanischen Propaganda wird die Westsahara als durch europäische Kolonialist*innen geraubt dargestellt; die Besetzung gilt für Rabat als Akt der Dekolonisierung.
Der Marsch diente als Ablenkungsmanöver für die zeitgleichen Angriffe der marokkanischen Armee auf sahrauische Zivilist*innen und die Frente Polisario. Dies führte dazu, dass das gemeinhin als „Grüner Marsch“ bekannte Ereignis bei den Sahrauis als „Schwarzer Marsch“ bekannt wurde. Denn es kam zur Massenvertreibung der sahrauischen Bevölkerung. Ströme flüchtender Sahrauis wurden zum Ziel von Napalmbomben. Zeitzeugen berichten von sexualisierter Gewalt und Hinrichtungen sahrauischer Zivilist*innen. Indem die marokkanische Armee gezielt Brunnen und Felder zerstörte sowie Nutztiere tötete, versuchte sie, die traditionelle Lebens- und Wirtschaftsweise der Sahrauis zu vernichten. Zuflucht fanden die Sahrauis schließlich in Algerien, das seine Grenze öffnete und ihnen erlaubte, in der Wüste ihre Lager zu errichten.
Sechzehn Jahre Krieg und ein brüchiger Waffenstillstand
Im anschließenden Krieg gelang es den Sahrauis, Mauretanien zu einem Friedensabkommen zu zwingen und Marokko zeitweise erhebliche territoriale Verluste zuzufügen. Ab den 1980er Jahren fing Marokko an, einen 2.700 Kilometer langen verminten Sandwall zu bauen, der die Westsahara in ein großes besetztes und ein deutlich kleineres befreites Gebiet teilt. Das militärische Kräftemessen führte zu einer Pattsituation, die Verhandlungen zur Folge hatte. Im Jahr 1991 kam es zum Waffenstillstand und zur Etablierung der UN-Mission für das Referendum in der Westsahara (MINURSO). Das formulierte Ziel, in einem Referendum über die Unabhängigkeit der Westsahara abstimmen zu lassen, wurde bis heute nicht erfüllt. Marokko verlangte, dass die in der besetzten Westsahara lebenden marokkanischen Siedler*innen mitwählen dürfen sollten. Die Siedler*innen stellen dort heute deutlich die Bevölkerungsmehrheit und gelten als loyale Unterstützer*innen des marokkanischen Königs. Dieser Forderung konnte die Frente Polisario nicht zustimmen, sodass eine Einigung ausblieb. Mit dem Ende der aktiven Kampfhandlungen geriet der Konflikt zunehmend in Vergessenheit. Lediglich Ereignisse wie das Protestcamp Gdeim Izik ab Oktober 2010 – das manchen Beobachter*innen als eigentlicher Auslöser der Arab-Spring-Proteste gilt –, bei dem Zehntausende Sahrauis in den besetzten Gebieten demonstrierten und dessen mutmaßliche Organisatoren bis heute als politische Gefangene inhaftiert sind, durchbrachen diese Situation zeitweise.
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2020 blockierten sahrauische Aktivist*innen den Grenzübergang Guerguerat im Süden der besetzten Westsahara, der an einer zentralen Handelsroute Marokkos liegt. Als das marokkanische Militär in die von der UN ausgewiesene Pufferzone eindrang, um die Blockade aufzulösen, wertete die Frente Polisario dies als Bruch des Waffenstillstands. Seitdem befindet sich die DARS erneut im Krieg. Nur wenige Wochen später erkannte die damalige Trump-Regierung Marokkos Anspruch auf die Westsahara an, während das Königreich im Gegenzug seine Beziehungen zu Israel im Rahmen der Abraham-Abkommen formalisierte. Militärisch hat Marokko im neu aufgeflammten Krieg die Oberhand, nicht zuletzt durch moderne Rüstungstechnologie. Israelische Unternehmen wie Elbit Systems gehören zu den wichtigsten Rüstungspartnern des Königreichs.
Die Organisierung der Lager
Die Geflüchtetenlager bilden zusammen mit einem kleinen, befreiten Teil der Westsahara das Hoheitsgebiet der DARS. Die Lager besitzen trotz ihrer Ansiedlung auf algerischem Staatsgebiet eine Selbstverwaltung. Algerien liefert zwar beständig humanitäre Hilfe oder unterstützt beim Ausbau der Wasser-, Strom- und Internetinfrastruktur, doch die DARS hat ihren eigenständigen demokratischen Aufbau und organisiert auch ihre Sicherheit in Form von eigener Polizei und eigenem Militär selbst. Die demokratische Struktur der Lager umfasst mehrere Verwaltungsebenen. Von der eigenen Nachbarschaft (Barrio) über das gesamte Viertel (Daira) und schließlich bis zur Ebene der einzelnen Lager (Wilaya) können Menschen an den regelmäßigen Versammlungen teilnehmen und Einfluss auf die Politik ausüben. Es gibt ein direkt gewähltes Parlament und den Volkskongress. Teil des Letzteren sind die Vertreter*innen der Massenorganisationen, wie zum Beispiel der Nationalen Union der sahrauischen Frauen (UNMS). Der Volkskongress wählt auch den Präsidenten der DARS, welcher gleichzeitig Generalsekretär der Frente Polisario ist. Seit seiner Wiederwahl 2023 bekleidet Brahim Ghali beide Ämter.
Eine klare Trennung der DARS-Institutionen und der organisatorischen Strukturen der Frente Polisario ist nicht möglich. Bis zur Unabhängigkeit ist die Gründung weiterer Parteien untersagt – danach wird ein Mehrparteiensystem angestrebt. Heute werden ideologische Auseinandersetzungen nur innerhalb der Frente Polisario geführt. Die aus einer sozialistischen Tradition hervorgegangene Organisation vereint unterschiedliche politische Positionen, die sich im gemeinsamen Ziel eines unabhängigen Staates zusammenfinden. Die Kulturanthropologin Alice Wilson argumentiert, dass es sich um ein an den Befreiungskampf angepasstes Demokratiemodell handelt. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit der DARS und ihren Strukturen bietet das kürzlich erschienene Buch „Western Sahara – State and Colony“ von Ahmed Mohamed Sidi Aly, Emma Lehbib und Manfred O. Hinz.
Erfolge und bestehende Herausforderungen
Die Frente Polisario führte mit der Gründung der DARS groß angelegte Alphabetisierungskampagnen durch. Aufgrund des nomadischen Lebensstils und der schlechten Bildungsmöglichkeiten während der spanischen Herrschaft konnten 90 Prozent der Sahrauis weder schreiben noch lesen. Die DARS ermöglichte die Entwicklung eines soliden Bildungssystems. Ein Bericht der Aalborg Universität beziffert den Anteil der Analphabet*innen unter den Kindern in den Lagern im Jahr 2022 auf lediglich ein Prozent. Grund hierfür sind die Schulen, welche in jedem der Lager vorhanden sind. Eine Schule trägt den Namen des südamerikanischen Nationalhelden Simón Bolívar, der wie kaum ein anderer den Wunsch nach Unabhängigkeit symbolisiert. Die Universität Tifariti, benannt nach der befreiten Hauptstadt der DARS, befindet sich im Aufbau und dient als Vorbild für eine zukünftige Universität in der unabhängigen Heimat. Sahrauis dürfen außerdem in Algerien studieren sowie über Bildungsprogramme in solidarischen Staaten wie Algerien, Kuba oder Libyen. Marokko hat bis heute keine Universität in der besetzten Westsahara errichtet.
Als Erfolg der DARS und der Frente Polisario gilt das gesetzlich verankerte Verbot der Sklaverei. Human Rights Watch bestätigt, dass das Phänomen nahezu nicht mehr existiert. Gerade im Nachbarland Mauretanien spielt Sklaverei allerdings immer noch eine größere Rolle. Vertreter*innen der Frente Polisario betonen immer wieder den Anspruch, eine Gesellschaft frei von Rassismus aufzubauen; zugleich verweisen zivilgesellschaftliche Initiativen schwarzer Sahrauis auf bestehenden Verbesserungsbedarf. Ein weiteres Problem der DARS besteht weiterhin in der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Viele Familien versuchen, mit kleinen Gärten unabhängiger von Lebensmittelspenden zu werden. Die Menschen sind trotzdem weiterhin auf Hilfslieferungen angewiesen. Der Krieg in der Ukraine, die Notlage in Gaza sowie Trumps Einstampfen von USAID machen sich in den Lagern bemerkbar. Die Konkurrenz um die wenigen Hilfsmittel wächst immer stärker. Ein zusätzliches Problem ist dabei, dass die gespendete Nahrung nicht für einen dauerhaften Verzehr geeignet ist. Die Folgen sind chronische Krankheiten und Vitaminmängel.
Zu Beginn basierte die Gesellschaft der DARS auf weitgehender Geldlosigkeit; ihre sozialen und ökonomischen Strukturen wurden wesentlich durch einen ausgeprägten Kollektivismus getragen. Heute gibt es eine sehr marginale Geldwirtschaft innerhalb der Lager. Es gibt Märkte und kleine Läden, welche manche Bewohner*innen finanziell absichern. Importgeschäfte von Gebrauchtwagen und Viehzucht sind ebenfalls wahrnehmbar. Die DARS fördert Ausbildungen zu Berufen, denen man in den Lagern nachgehen kann. Ein diversifizierter Arbeitsmarkt mit aussichtsreichen Chancen auf einen Job existiert allerdings nicht. Der Kollektivismus besteht hingegen weiterhin, auch wenn die ältere Generation der jüngeren gelegentlich Individualismus unterstellt.
Die Gesellschaft müsste nicht in Armut leben. Ihre Heimat ist rohstoffreich und verfügt neben bedeutenden Phosphatvorkommen über fischreiche Küsten sowie ideale Bedingungen für Wind- und Solarenergie. Das europäische Interesse an grüner Energie, die marokkanische Unternehmen mit europäischer Technik in der besetzten Region produzieren, verfestigt die Besatzung weiter – trotz Urteilen europäischer Gerichte, die den Handel mit Rohstoffen ohne Beteiligung der Sahrauis als rechtswidrig einstufen.
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Nach Angaben der Frente Polisario leben heute rund 200.000 Menschen in der DARS. Marokko stellt diese Zahl regelmäßig infrage, sie könnte tatsächlich etwas niedriger liegen. Unabhängig von der genauen Größe zeigt die Bevölkerung der Lager, dass eine politische Lösung notwendig ist, um die sahrauische Gesellschaft wieder zusammenzuführen und ihr Recht auf Selbstbestimmung zu verwirklichen – ein Ziel, das Marokko durch das beständige Anzweifeln der Zahlen zu relativieren versucht.
Die Zukunft der DARS
Ob das 50. Jahr der DARS zu einem Schicksalsjahr wird, lässt sich derzeit nicht absehen. Am 8. und 9. Februar 2026 fanden in Madrid – jener Stadt, in der 1975 die Fortführung der Fremdherrschaft besiegelt wurde – Gespräche zwischen der Frente Polisario, Marokko, Algerien und Mauretanien statt. Marokkanische Medien behaupteten daraufhin, Algerien werde sich dem sogenannten Autonomieplan anschließen. Kurz darauf bekräftigte der Präsident der algerischen Nationalversammlung hingegen die Unterstützung seines Landes für die DARS. Algerien bleibt damit ihr wichtigster diplomatischer und politischer Verbündeter. Dass es nun dennoch am Verhandlungstisch sitzt, dürfte den intensiven Vermittlungsbemühungen der USA geschuldet sein. Ob die Frente Polisario jedoch das Ziel einer unabhängigen DARS zugunsten der von Marokko vorgeschlagenen und inzwischen erweiterten Autonomielösung aufgibt, erscheint fraglich.
[1] Frente Popular para la Liberación de Saguía el Hamra y Río de Oro



