„Blind für ihr Leid“ – Christopher Nolan und das Whitewashing illegaler Besatzung

While the suppressed Sahrawi people are fighting for their independence and self-determination, Christopher Nolan is whitewashing the Moroccan occupation.
Photo by UN Photo/Evan Schneider.

Im Juli dieses Jahres drehte Christopher Nolan einen Teil seines neuen Blockbusters „The Odyssey“ in Dakhla, einer Stadt im besetzten Gebiet der Westsahara. Diese Situation löste Empörung aus und führte zu einer breiten internationalen Debatte – dank des Drucks seitens des sahrauischen Volkes, von Menschenrechtsorganisationen und prominenten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die die großen Medien auf diesen Fall aufmerksam machten.

Juliana Rivas sprach mit María Carrión, der Direktorin von FiSahara, dem Filmfestival, das in den sahrauischen Flüchtlingslagern in Algerien stattfindet, wo die Mehrheit des sahrauischen Volkes im Exil lebt. María und ihr Team sind zu ausschlagenden Stimmen geworden, die Nolan und die Filmindustrie verurteilen. Zunächst forderten sie die Einstellung der Dreharbeiten in den besetzten Gebieten und nun rufen sie dazu auf, das Schweigen zu brechen und auf die internationale Kritik zu reagieren.

etos.media: Könnten Sie uns Ihre Position verraten dazu, dass Teile von Nolans Film in der besetzten Westsahara gedreht wurden? Könnten Sie etwas zu den Auswirkungen sagen, die dies für die dort lebenden Menschen hat, und wie sich dies auf den Staat Marokko auswirkt?

María Carrión: Die Westsahara ist kein Hollywood-Filmset: Es handelt sich um ein Gebiet, das seit 1975 illegal von Marokko besetzt ist und von Reporter ohne Grenzen als „Wüste für den Journalismus” bezeichnet wird, da Marokko internationalen Pressevertretern, Menschenrechtsorganisationen und Beobachtern die Einreise verweigert. Einige Szenen von „The Odyssey“ wurden in Dakhla, einer militarisierten Stadt, ohne die Zustimmung des sahrauischen Volkes gedreht, dem rechtmäßigen Eigentümer der Sanddüne, in der Christopher Nolan gedreht hat. Während Nolan und sein Team in Dakhla von Marokko mit allen Ehren empfangen wurden, können sahrauische Filmemacher und Journalisten, die unter der Besatzung leben, keine Filme über die Unterdrückung drehen, der sie ausgesetzt sind, da sie damit eine Gefängnisstrafe riskieren würden.

Menschenrechtsverteidiger, Journalisten und saharauische Aktivisten, die sich für Freiheit und Selbstbestimmung einsetzen, sind systematisch willkürlichen Verhaftungen, Folter, extremer Überwachung, Einschränkungen der Meinungs- und Bewegungsfreiheit und vielen anderen Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt, wie in zahlreichen Berichten der Vereinten Nationen und internationalen Organisationen dokumentiert ist.

Das Ziel Marokkos ist es, die Besatzung zu normalisieren, indem es Filmproduktionen, Tourismus, ausländische Investitionen und Veranstaltungen in die besetzte Westsahara lockt. Während der Dreharbeiten in Dakhla erklärte der marokkanische Kulturminister Mehdi Bensaid in einem Interview mit dem marokkanischen Sender Medias 24, dass Nolans Anwesenheit dazu beitragen würde, andere internationale Produktionen anzuziehen und ihr Ziel, Dakhla zu einem Zentrum für Filmproduktionen zu machen, voranzutreiben.

Nolans Anwesenheit trägt zum Whitewashing der Besetzung und der brutalen Unterdrückung des sahrauischen Volkes bei, und sein Schweigen – das bis heute andauert – verfestigt diese Legitimierung.

etos.media: Wie hat die sahrauische Bevölkerung auf diese Situation reagiert?

María Carrión: Für die Sahrauis, die unter der Besatzung leben und jeden Tag enorme Risiken eingehen, um die Brutalität, der sie ausgesetzt sind, aufzudecken, und für diejenigen in Flüchtlingslagern, die seit 50 Jahren im Exil leben, ohne jemals einen Fuß in ihre Heimat setzen zu können – oder die diese nie kennengelernt haben –, hat das Ansehen von Bildern von Nolan in Dakhla, vollkommen blind für ihr Leid, immense Empörung ausgelöst. Dies hat sie dazu veranlasst, eine Selfie-Kampagne mit Botschaften an ihn zu starten. Das sahrauische Volk fordert lediglich die Einhaltung des Völkerrechts, nicht mehr und nicht weniger.

etos.media: Könnten Sie auch etwas zu den internationalen Reaktionen sagen, die in den letzten Wochen zu verzeichnen waren?

María Carrión:The Odyssey“ ist eine der bekanntesten Filmproduktionen des Jahres 2025, und Nolan ist ein hoch angesehener Regisseur. Als wir von den Dreharbeiten in der besetzten Westsahara erfuhren, gaben wir zwei Erklärungen des Festivals ab: Wir forderten Nolan auf, die Dreharbeiten einzustellen, baten ihn, diese Bilder nicht in der endgültigen Fassung des Films zu verwenden und sein Schweigen über die Dreharbeiten in Dakhla zu brechen. Das sahrauische Volk verdient eine Erklärung. Wusste er, dass er sich in einem besetzten Gebiet befand, oder hat er es erst erfahren, als wir es öffentlich angeprangert haben?

Die zweite Erklärung wurde von Hunderten von Menschen aus den Bereichen Film- und Aktivismus unterzeichnet, darunter Javier Bardem, Pedro Almodóvar und Paul Laverty. Was dann geschah, war nicht zu erwarten: Die Nachricht verbreitete sich weltweit und wurde sogar von großen Hollywood-Medien aufgegriffen. Wir wissen, dass Nolan und Universal Pictures die Berichterstattung mit Besorgnis verfolgt haben, und wir hatten gehofft, dass sie darauf reagieren würden – aber bisher haben sie geschwiegen

etos.media: Wie sollten Ihrer Meinung nach als Direktor von FiSahara solche heiklen geopolitischen Fälle innerhalb der Filmindustrie behandelt werden?

María Carrión: Der ethische Aspekt ist ganz klar: Produktionen müssen nach dem Prinzip „keinen Schaden anzurichten” arbeiten. Die Filmindustrie hat die Pflicht, sich von dem extraktiven, kolonialistischen und rassistischen Modell zu lösen. Die Teams müssen sorgfältig recherchieren, in welche Gebiete und Gemeinschaften sie gehen, welche Geschichten sie erzählen und wem diese Geschichten gehören, denn allzu oft sind es indigene Gemeinschaften und arme Bevölkerungsgruppen, denen ihre kulturellen Güter, Erzählungen und Landschaften genommen werden und die kolonialer Gewalt und kultureller Aneignung ausgesetzt sind.

Dann gibt es noch den rechtlichen Aspekt, der im Fall der Westsahara ebenso klar ist: Nach Angaben der UNO handelt es sich um ein nicht selbstverwaltetes Gebiet, das auf seine Entkolonialisierung wartet. Es gehört nicht zu Marokko, sondern zum sahrauischen Volk, das das Recht hat, über seine eigene Zukunft zu entscheiden und seine Ressourcen zu verwalten.

etos.media: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview von Juliana Rivas erschien zuerst auf Englisch und wurde von Jule Peters ins Deutsche übersetzt.

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