Ein Wehrmachtsgeneral baut die Jugendoffiziere auf, ohne öffentliche Debatte, ohne demokratische Kontrolle. Jahrzehnte später stehen sie in Klassenzimmern, erreichen Hunderttausende Jugendliche und prägen das Bild von Krieg, Sicherheit und Militär. In ihrem Beitrag zeigt Nicole Gohlke, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, dass das kein Zufall ist, sondern System: politisch gewollt, institutionell abgesichert und bis heute ausgebaut. Während die Bundeswehr privilegierten Zugang zu Schulen hat, bleibt Friedensbildung marginalisiert. Wer von neutraler Bildung spricht, sollte sich fragen, wessen Perspektive hier eigentlich vermittelt wird.
Ein ehemaliger Wehrmachtsgeneral, ein interner Befehl, keine Debatte: Die Jugendoffiziere der Bundeswehr wurden 1958 nicht als demokratisch legitimiertes Bildungsprojekt eingerichtet. Von Anfang an waren sie ein machtpolitisches Instrument, um die Akzeptanz von Wiederbewaffnung und Wehrpflicht explizit bei Kindern und Jugendlichen zu erhöhen.
Ein Mann aus dem Vernichtungskrieg gründet die Jugendoffiziere
Der Name, der am Anfang dieser Geschichte steht, ist Adolf Heusinger. Heusinger war Chef der sogenannten Operationsabteilung im Oberkommando des Heeres. Diese war entscheidend sowohl für die Planung des Überfalls auf Polen als auch des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion ab 1941. Er wurde von Hitler persönlich darüber informiert, dass dieser Krieg als „Vernichtungskrieg“ geführt werden sollte, und er koordinierte später die sogenannte „Partisanenbekämpfung“ in den besetzten Gebieten. Am 20. Juli 1944 stand er neben Hitler, als Stauffenbergs Bombe explodierte.
Und genau jener Heusinger wurde 1957 erster Generalinspekteur der Bundeswehr und schuf am 8. September 1958 per internem Befehl die Institution der Jugendoffiziere. Eine Einrichtung, die bis heute jedes Jahr Hunderttausende Kinder und Jugendliche erreicht, ist also nicht Ergebnis demokratischer Willensbildung, sondern Produkt eines ehemaligen Wehrmachtsgenerals.
Gegen den Mehrheitswillen: Wozu Jugendoffiziere wirklich geschaffen wurden
Die Bundeswehr verweist bis heute gern darauf, dass Jugendoffiziere für „seriöse sicherheitspolitische Bildung“ an Schulen zuständig seien. Wer in die Gründungsdokumente schaut, sieht: Das ist Legende. Der offizielle Zweck 1958 war, insbesondere der angeblich beeinflussbaren Jugend die Notwendigkeit von Wiederbewaffnung und Wehrpflicht im Rahmen der NATO zu erklären. Zu einem Zeitpunkt, als mehr als zwei Drittel der Bevölkerung die Wiederbewaffnung Deutschlands strikt ablehnten, während Gewerkschaften, Kirchen und Intellektuelle in der antimilitaristischen „Ohne-mich“-Bewegung eintraten.
Mit anfangs 17 hauptamtlichen Jugendoffizieren startete die Bundeswehr damals eine politische Flankierungsoffensive: Soldaten sollten direkt an Schulen gehen, Lehrkräfte für sich gewinnen und bei jungen Menschen ein positives Bild von Armee und Waffen zeichnen. Dass dieser Ansatz nie demokratisch diskutiert, geschweige denn beschlossen wurde, darüber schweigt die Bundeswehr bis heute lieber. Stattdessen verweisen Jugendoffiziere und Karriereberater darauf, als Armee „demokratisch legitimiert“ zu sein. Ein Ausweichmanöver.
Ausgebaut von der SPD – gegen die Friedensbewegung
Jugendoffiziere sind darüber hinaus kein konservativer Sonderweg unter dem damaligen CDU-Kanzler Konrad Adenauer. Spätestens in den 1970er Jahren wurden sie auch von SPD-geführten Regierungen offensiv genutzt. Willy Brandt schrieb 1970 einen Brief an alle Ministerpräsidenten, in dem er Jugendoffiziere ausdrücklich als Instrument empfahl, um bei jungen Menschen „Verständnis“ für Verteidigungs- und Entspannungspolitik zu wecken. Der Brief erging gerade einmal drei Wochen vor seinem berühmten Kniefall in Warschau. Verteidigungsminister Helmut Schmidt wiederum machte Lehrkräfte später für den Anstieg von Kriegsdienstverweigerern verantwortlich und reagierte prompt mit mehr Bundeswehr in den Schulen.
Die Zahl der Jugendoffiziere wurde in dieser Phase von 27 auf 56 erhöht, als direkte Reaktion auf Proteste der außerparlamentarischen Opposition und die wachsende Zahl von Kriegsdienstverweigerern. Friedensorganisationen und Kriegsdienstverweigerer wurden über Jahre systematisch aus den Klassenzimmern verbannt, in Baden-Württemberg herrschte faktisch über zwei Jahrzehnte ein Informationsmonopol der Bundeswehr.
Strukturelle Privilegien für Militär – Friedensbildung ehrenamtlich
Heute stehen 94 hauptamtliche Stellen für Jugendoffiziere an 61 Standorten zur Verfügung, dazu 16 Bezirksjugendoffiziere sowie rund 250 nebenamtliche Kräfte. Sie sind Dienstgrade wie Hauptmann oder Kapitänleutnant, ausgestattet mit Dienstwagen, IT und Reisebudgets, organisatorisch eingebettet in das Zentrum Informationsarbeit der Bundeswehr in Strausberg. Mit Kooperationsvereinbarungen in mindestens acht Bundesländern. Von Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg über Bayern bis Hessen und Sachsen – haben sie privilegierten Zugang zu Schulen, Lehrkräftefortbildungen und Curricula.
Ein besonders weitreichendes Beispiel ist Bayern. Dort wurde die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Schulen nicht nur fortgeführt, sondern zuletzt deutlich ausgeweitet und strukturell vertieft. Die Bundeswehr ist inzwischen fester Bestandteil der politischen Bildung: Jugendoffiziere erhalten systematischen Zugang zu Schulen, wirken regelmäßig im Unterricht mit und sind in Maßnahmen der Berufsorientierung eingebunden. Neu ist dabei vor allem die stärkere institutionelle Verankerung, die ihre Präsenz nicht mehr von einzelnen Einladungen abhängig macht, sondern als regulären Bestandteil schulischer Angebote etabliert.
Sie besuchen mehr als 5.500 Schulen im Jahr, treten als vermeintlich neutrale „Sicherheitspolitik-Experten“ auf, öffnen Türen für Karriereberatungen und Rekrutierung, Tendenz steigend. Und das alles, während Friedensbildung fast ausschließlich ehrenamtlich stattfindet. Friedensorganisationen müssen sich mühsam Einladungen erkämpfen, tragen keine Uniform, haben keine Dienstwagen und keine vertraglich abgesicherten Kooperationsrechte, sondern hangeln sich von Projektförderung zu Projektförderung.
Das Ergebnis ist ein massives Ungleichgewicht: Der Staat baut eine professionelle militärische Bildungsinfrastruktur auf und lässt zivilen, friedenspolitischen Gegenstimmen bewusst nur die Reste übrig.
Zeitenwende, Kitas und Rekrutierung Minderjähriger
Mit der sogenannten „Zeitenwende“ ist die Rolle der Jugendoffiziere erneut aufgeladen worden. Neben klassischen Schulbesuchen werden neue Formate erprobt: Besuche in Kitas, Kinderfeste, Laternenläufe in Kasernen, Social-Media-Formate – Kinder und Jugendliche sollen immer früher an Militär und Armee als „normalen“ Teil des Alltags gewöhnt werden. Gleichzeitig dienen Jugendoffiziere als Türöffner für eine Rekrutierungspraxis, die aus Sicht des UN-Kinderrechteausschusses klar problematisch ist.
Deutschland rekrutiert nach wie vor Minderjährige: Allein 2024 stellten die Streitkräfte mehr als 2.000 Jugendliche unter 18 Jahren ein. Gut 150 Staaten weltweit halten den sogenannten Straight-18-Standard ein, der Rekrutierung erst ab 18 vorsieht – Deutschland gehört nicht dazu. Während in den Schulen Unterricht ausfällt, der Fachkräftemangel grassiert und Schulsozialarbeit gekürzt wird, wirbt die Bundeswehr auf Job- und Ausbildungsmessen für „Jobs mit Action“ vor Minderjährigen, um sie für eine Organisation zu gewinnen, deren Kernauftrag bewaffnete Gewalt ist.
Friedensbildung an Schulen gleichwertig ausbauen
Wenn die Bundesregierung es ernst mit Demokratiebildung und echter Sicherheit meint, dann müssen wir die Prioritäten umdrehen und stattdessen eine Offensive für gute Schulen, für politische Bildung, für Zivilschutz in zivilen Händen, für eine Jugend, die Perspektiven auf ein gutes Leben hat, statt auf den nächsten Einsatz vorbereitet zu werden.



