Die meisten Städte im Südlibanon sind leer. Die Luft, die ehemals nach trockenen Zedernblättern und Oliven roch, riecht jetzt nach Asche und Staub. Beim Fahren durch den Süden ist in einigen Dörfern jedes zweite oder dritte Haus zerstört, manche sind nur noch ein Haufen Trümmer. Die Straßen sind kaputt, überall liegt Geröll. Es erinnert an die Bilder aus Gaza.
Seit Anfang März wurden im Libanon mindestens 1.238 Menschen getötet, darunter 124 Kinder. Darüber hinaus wurden 52 Rettungskräfte und mindestens 23 Medienschaffende getötet.
Verlust einer Heimat
Das Surren von Drohnen ist im Südlibanon allgegenwärtig, jedes Geräusch eines tief fliegenden Fliegers, jede kleine Bombe wird vom ständig angespannten Körper mit einem Zucken beantwortet. Mina1, eine junge Krankenschwester, fährt trotz aller Bedrohungen, trotz der Schwere beim Atmen, trotz allem, was sie bereits erlebt hat mit ihren zwei Kollegen durch die Städte und Dörfer im Süden.

Mina ist Krankenschwester. Sie war dabei, als im Krankenhaus hunderte Menschen mit tiefen Fleischwunden in Gesichtern und zerfetzten Händen eingeliefert wurden. Sie hat Kinder mit offenen Fleischwunden kurzfristig verarzten müssen. Sie hat erlebt, wie Bomben auf ihr Krankenhaus und die nächste Apotheke fielen.
Mina ist in einem Dorf im Süden aufgewachsen und dennoch fällt es ihr an einigen Orten schwer diese zu erkennen. Ihr Dorf ist eines, das von ihrem eigenen Land lange vergessen wurde. Viele der Orte, die in diesem Moment zerstört werden, gehörten schon lange zu den strukturell schwächeren Regionen des Libanon. Insbesondere der Süden war über Jahrzehnte wirtschaftlich unterentwickelt, mit geringerer staatlicher Präsenz, weniger Investitionen und eingeschränktem Zugang zu Infrastruktur, Gesundheitsversorgung und Arbeitsmöglichkeiten.
Die Bedeutung des Widerstands
Diese Entwicklung setzte nicht erst mit dem aktuellen Krieg ein. Bereits während der Nakba flohen viele Palästinenser in den Südlibanon. Mit der Präsenz bewaffneter Gruppen der Palestine Liberation Organization verlagerte sich der Konflikt mit Israel teilweise auf libanesisches Territorium. Grenzregionen wurden militarisiert, zivile Infrastruktur wiederholt beschädigt oder zerstört.
Der israelische Krieg von 1978 und insbesondere 1982 trafen große Teile des Libanons schwer. Viele Orte wurden zerstört, Bevölkerungsgruppen vertrieben, wirtschaftliche Strukturen nachhaltig geschwächt. In den folgenden Jahren blieb der Wiederaufbau ungleich verteilt und oft unvollständig.
In diesem Kontext entstand Anfang der 1980er-Jahre die Hisbollah. Die Organisation entwickelte sich während der israelischen Besatzung und baute neben ihrem militärischen Arm früh zivile Strukturen auf. Dazu gehörten medizinische Einrichtungen, Schulen, soziale Unterstützungsprogramme und Wiederaufbauprojekte, insbesondere in Gebieten, die keine Unterstützung vom Staat erhielten.
Auch nach dem Ende des Bürgerkriegs 1990 blieb der libanesische Staat in vielen Regionen strukturell schwach. Das politische System, geprägt von konfessionellen Machtverteilungen, begünstigte die ungleiche Verteilung öffentlicher Ressourcen. Korruption und klientelistische Netzwerke führten dazu, dass Investitionen häufig konzentriert und nicht flächendeckend eingesetzt wurden. Bis zum Krieg 2006 etablierte sich die Partei Gottes aus dem Süden zu einem im ganzen Land anerkannten Widerstand2, der – anders als die staatliche Armee – das Land vor einer Besatzung schützte.
Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2019 verschärften sich diese strukturellen Probleme erneut. Der Zusammenbruch der Währung, steigende Arbeitslosigkeit und der Rückgang staatlicher Leistungen führten dazu, dass grundlegende Versorgung in vielen Bereichen nicht mehr zuverlässig gewährleistet war.
Mina lebt in einem Dorf, in dem Schulen durch die Hisbollah finanziert sind und Lehrer bei ihnen angestellt. Sie ist als Krankenschwester in einem von der Organisation finanzierten Krankenhaus tätig, ihre Cousine ist Journalistin für den Hisbollah-nahen Sender Al-Mayadeen und ihr Cousin wird als Architekt für den Wideraufbau eingestellt. Gäbe es diese Arbeitsplätze nicht, würde keiner von ihnen einen Lebensunterhalt finanzieren können. Im Libanon – wie in Gaza – werden insbesondere diese Menschen, Journalisten und medizinisches Personal, angegriffen. Zwei Wochen lang werden laut Mina um ihr Dorf herum Architekten, die für den Wideraufbau eingestellt waren Ziele von Angriffen.
Das Ausmaß der Zerstörung
Wenn sie heute an zerstörten Häusern und Schulen vorbeifährt, weiß sie, dass sich unter den Trümmern Menschen befinden können. Sie hat selbst Körper aus eingestürzten Gebäuden gezogen, hat Stimmen gehört, die aus dem Staub kamen und wieder verstummten. Mina hat auch erlebt, dass Angriffe nicht mit dem ersten Einschlag enden. Nach der ersten Explosion kommen Nachbarn, Helfer, medizinisches Personal. Dann folgt ein zweiter Angriff auf denselben Ort. Mina sah dabei zu wie ihre Kollegen und Nachbarn durch den zweiten Schlag ermordet wurden, genau in dem Moment, in dem sie helfen wollten.

Im Libanon werden auch Straßen, Wasserleitungen und Stromnetze seit Oktober 2023 bombardiert. Infrastruktur, die für das Überleben notwendig ist, verschwindet. Zur Rechtfertigung wird regelmäßig auf Konzepte wie „Terrorismusbekämpfung“ und die Nutzung ziviler Räume durch bewaffnete Gruppen verwiesen, insbesondere auf das Konzept sogenannter menschlicher Schutzschilde. Der Vorwurf lautet, bewaffnete Gruppen hielten sich in ziviler Umgebung auf oder nutzten diese als Schutz.
In der konkreten Argumentation läuft dies darauf hinaus, Zivilpersonen, die in von der Hisbollah geprägten Strukturen leben oder arbeiten, faktisch als „freiwillige menschliche Schutzschilde“ zu behandeln. Mina, ihre Cousine, die Journalistin, und ihr Cousin, der Architekt, werden in dieser Logik zu legitimen Zielen erklärt. Nach dem humanitären Völkerrecht hebt eine solche Einordnung ihren Schutzstatus jedoch nicht auf. Angriffe auf Rettungskräfte, medizinisches Personal und zivile Infrastruktur verstoßen gegen das humanitäre Völkerrecht und können als Kriegsverbrechen gewertet werden.
Kriegsverbrechen und ethnische Säuberung
Mehr als eine Million Libanesen, also ein Sechstel der Bevölkerung, mussten seit Anfang März 2026 den Süden verlassen. Ganze Orte wurden gesäubert. Felder sind unbrauchbar gemacht, Olivenbäume gerodet, Häuser zerstört. Diese Vertreibung wird langfristig sein. Minas Oma wiederholt immer wieder, dies sei die zweite Nakba, die zweite Katastrophe. Eine langfristige Vertreibung, eine ethnische Säuberung des Südens – wie sie auch durch die gestrige Einführung der gelben Linie durch Israel vermuten lässt – kann ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen. Der israelische Minister Smotrich sagt hierzu, der Litani müsse die neue Grenze im Norden Israels sein. Katz hingegen spricht von einer „Buffer Zone“, eine Rhetorik, die auch von Friedrich Merz bekannt ist.
Langfristig müssen das Vertreiben und Töten der gesamten palästinensischen Bevölkerung in Gaza, im Westjordanland, in Syrien und im Libanon kontextualisiert werden. Sowohl die Dehumanisierung als auch die „völkerrechtlichen“ Rechtfertigungen sind die gleichen. Es ist ein Kampf gegen palästinensisches Leben, das als Bedrohung für einen monoethnischen israelischen Staat behandelt wird.

Mina hinterfragt die Hisbollah nicht, sie ist ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens. Für ihre Eltern seien es Helden, die gegen das Unrecht in Palästina stehen. 2006 habe die Organisation den Krieg gegen Israel gewonnen und sie vor einer zweiten brutalen Besatzung und einer zweiten ethnischen Säuberung nach der Nakba bewahrt.
Mina holt tief Luft, während sie aus dem Fenster des Krankenwagens auf die Trümmer schaut. Wenn sie die Augen schließt, sieht sie noch stehende Häuser und lebende Olivenbäume. Aus dem Autoradio ertönt eine christlich-libanesische Sängerin, die für den Widerstand im Süden singt. Mina summt leise mit, bis alles kurz verstummt und ihre Schultern für einen Moment sinken.
- Der Name wurde zum Schutz der Privatsphäre geändert. Der Text basiert auf zwei Interviews mit Mina und ihrer Großmutter, eines Dezember 2024 und eines im März 2026. ↩︎
- Die Organisation wird im Libanon weiterhin offiziell als Widerstand eingeordnet, ist jedoch sowohl im Land politisch umstritten als auch innerhalb Europas unterschiedlich klassifiziert, wo teilweisedie gesamte Organisation und teilweise lediglich ihr militärischer Arm auf „Terrorlisten“ steht. ↩︎



