Während die Welt auf den Persischen Golf blickt, israelische Truppen im Südlibanon einmarschieren und sich der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zum vierten Mal jährt, eskaliert im Schatten der internationalen Aufmerksamkeit ein weiterer Konflikt. Pakistanische und afghanische Behörden geben sich gegenseitig die Schuld an der neuerlichen Eskalation und bombardieren beiderseits der 2.600 Kilometer langen Grenze, die erneut zum Zentrum der Auseinandersetzung geworden ist.
Am 27. Februar erklärte Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Asif der Taliban-Führung den „offenen Krieg“. Bereits in der Vorwoche war es entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze wiederholt zu tödlichen Gefechten gekommen. „Unsere Geduld ist am Ende“, hieß es in einer über den Onlinedienst X verbreiteten Erklärung. Pakistan beschuldigt darin die Führung in Kabul, Terrorismus zu exportieren und Afghanistan zu einer Kolonie Indiens gemacht zu haben. Die Taliban-Regierung wies dies zurück und machte Pakistan für die Eskalation und erste Angriffe in der Grenzregion verantwortlich.
Nach der Kriegserklärung griff die pakistanische Luftwaffe 22 militärische Ziele in Afghanistan an, wobei laut dem Sprecher des pakistanischen Militärs 274 Taliban-Vertreter getötet wurden. Mit den schwersten Luftangriffen seit Beginn des Konflikts ging der Krieg in eine neue Phase über. Ziele in Kabul und Kandahar, Zentren der politischen Führung der Taliban, wurden gezielt angegriffen und der Krieg über die unmittelbare Grenzregion hin ausgeweitet. Der afghanische Vergeltungsangriff folgte im Laufe des Tages. Afghanische Kampfjets flogen Angriffe auf militärische Ziele in Islamabad und der nordwestlichen Grenzprovinz Khyber Pakhtunkhwa, die in den Beziehungen der beiden Länder eine besondere Rolle einnimmt.
Spuren der Vergangenheit
Im Jahr 1893 kam es zu einer Grenzziehung, die ihre langen Schatten bis in die Gegenwart wirft. Mit der Durand-Linie des gleichnamigen britischen Diplomaten wurde die internationale Grenze zwischen dem Emirat Afghanistan und Britisch-Indien festgelegt und nach der Unabhängigkeit Pakistans 1947 übernommen. Die neue zwischenstaatliche Grenze wurde zu keiner Zeit von einer Regierung in Kabul akzeptiert – übrigens bis heute nicht – und schreibt Pakistan einige Gebiete zu, die mehrheitlich von Paschtunen bewohnt werden und lange zu Afghanistan gehörten. Nationalistische Paschtunen versuchten in der Folge immer wieder jene Gebiete, die heute in der pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa zusammengefasst werden, in den Schoß Afghanistans zurückzuholen. Die bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern sind seit der pakistanischen Unabhängigkeit angespannt und auch die aktuellen Auseinandersetzungen sind im Kontext der historischen Rivalität zu betrachten.
Bereits im Oktober letzten Jahres wurden bei den bis dahin schwersten Auseinandersetzungen seit der Machtübernahme der Taliban Dutzende Kämpfer auf beiden Seiten getötet. Pakistanische Luftangriffe zielten laut Militärvertretern darauf ab, die Operationsbasen terroristischer Gruppen gegen Pakistan von afghanischem Boden aus anzugreifen. Die Taliban-Regierung beschuldigte Pakistan, Afghanistans Souveränität verletzt zu haben. Zudem wurde laut afghanischen Vertretern ein ziviler Markt in der Grenzprovinz Paktika bombardiert. Afghanistan reagierte mit Angriffen auf Grenzposten, wobei laut afghanischen Angaben 58 pakistanische Soldaten getötet wurden. Erst Tage später konnten sich beide Seiten auf einen von der Türkei und Katar vermittelten Waffenstillstand einigen.
Terroranschläge in Pakistan
Der Waffenstillstand blieb in weiterer Folge fragil. Eine dauerhafte Einigung zwischen beiden Konfliktparteien konnte nicht erreicht werden und es kam immer wieder zu kleineren Grenzgefechten entlang der Durand-Linie. Im Februar 2026 erlebte Pakistan mehrere Terroranschläge auf seinem Territorium. Zuerst verübten Mitglieder der Belutschistan Befreiungsarmee (BLA) eine Reihe von Anschlägen in der Provinz Belutschistan, bei denen laut einer Pressemitteilung der Vereinten Nationen 48 pakistanische Staatsangehörige, darunter 31 Zivilisten, getötet wurden. Am 6. Februar erschütterte ein Selbstmordanschlag die pakistanische Hauptstadt Islamabad. Bei einem Angriff auf eine schiitische Moschee während des Freitagsgebets starben 31 Menschen und weitere 171 wurden verwundet. Laut dem pakistanischen Innenminister Mohsen Naqvi konnten die Behörden eine Verbindung zwischen dem mutmaßlichen Drahtzieher und der Terrormiliz „Islamischer Staat – Provinz Khorasan (ISKP)“ nachweisen. Die afghanischen Taliban verurteilten den Anschlag und wiesen wiederholt die pakistanischen Anschuldigungen zurück, dass militante Gruppen von afghanischem Boden aus operieren. Später übernahm der Islamische Staat die Verantwortung für den terroristischen Angriff.
Am 16. Februar kam es zum dritten schweren Angriff auf pakistanischem Staatsgebiet binnen eines Monats. In Bajaur (Provinz Khyber Pakhtunkhwa) sterben 11 Soldaten und ein Kind nach einem Angriff bewaffneter Männer auf einen Sicherheitsposten. Pakistan führt den Angriff auf die Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) zurück, deren Führung laut Ansicht Pakistans von afghanischem Gebiet aus operiert. Das pakistanische Außenministerium forderte die Taliban-Behörden auf, „sofortige, konkrete und überprüfbare“ Maßnahmen gegen alle bewaffneten Gruppen auf afghanischem Boden – einschließlich ihrer Führung – zu ergreifen und sicherzustellen, dass afghanisches Gebiet nicht für Angriffe auf Pakistan genutzt wird.
Tehrik-e Taliban Pakistan (TTP)
Im Zentrum des anhaltenden Konflikts zwischen den beiden Nachbarstaaten steht Pakistans Behauptung, die Taliban-Führung in Kabul gewähre der dschihadistischen Terrorgruppe Tehrik-e Taliban Pakistan (TTP), auch bekannt als pakistanische Taliban, Zuflucht. Nach Angaben Islamabads operiert die Gruppe aus Afghanistan heraus – ein Vorwurf, den die afghanischen Taliban wiederholt zurückweisen. Mit der Rückkehr der Taliban in Afghanistan im Jahr 2021 hat die militante Gewalt in Pakistan spürbar zugenommen, nicht zuletzt durch verstärkte Angriffe der TTP auf Sicherheitskräfte. Das in Islamabad ansässige Pakistan Institute for Peace Studies verzeichnete im Jahr 2025 699 Terroranschläge – Anstieg von 34 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dabei wurden mindestens 1.034 Menschen getötet und 1.366 verletzt. Rund 95 Prozent der Angriffe konzentrierten sich auf die Grenzprovinzen Khyber Pakhtunkhwa und Belutschistan.
Immer wieder wirft Islamabad den afghanischen Taliban vor, nicht entschieden genug gegen die TTP vorzugehen und durch ihr Mitwirken in Afghanistan grenzüberschreitende Angriffe auf pakistanisches Staatsgebiet zu ermöglichen. Bereits vor den jüngsten militärischen Auseinandersetzungen gab der pakistanische Verteidigungsminister in einem Interview mit France 24 zu verstehen, Pakistan werde nicht „zögern“, neue Angriffe auf Afghanistan auszuführen, es sei denn, jemand in Kabul könne den „Frieden sichern“. Nur wenige Tage später wurde diese Drohung Realität: Afghanistan und Pakistan befinden sich nun in einem offenen Krieg.
Hunderte Tote bei Luftangriff auf Einrichtung in Kabul
Nach wochenlangen Auseinandersetzungen und gegenseitigen Schuldzuweisungen erreichte die Gewaltspirale am 17. März vorerst ihren Höhepunkt. Ein nächtlicher pakistanischer Luftangriff auf die Omid-Drogenrehabilitierungseinrichtung in Kabul tötete mehr als 400 Menschen und verletzte mindestens 250, wie die Vereinten Nationen noch am selben Tag mitteilten. Zeug*innen berichteten auf dem Krankenhausgelände von einem „Bild der völligen Zerstörung“ und von Hunderten von Menschen, die unter eingestürzten Betonmauern und verbogenen Metallgestellen nach ihren Angehörigen suchten. Während einige Gebäude noch standen, lag ein Großteil des Geländes am frühen Morgen in geschwärztem Schutt; viele Opfer wurden in ihren Betten verbrannt oder von einstürzenden Mauern zerquetscht, wie Überlebende dem Guardian berichteten. Das humanitäre Völkerrecht verbietet Angriffe auf Zivilisten und sieht einen besonderen Schutz für medizinische Einrichtungen vor. Pakistan hingegen wies die Vorwürfe zurück, das Krankenhaus gezielt ins Visier genommen zu haben, und betonte, ausschließlich militärische Einrichtungen in Kabul bombardiert zu haben.
Brüchiger Waffenstillstand
Nach den bislang schwersten Auseinandersetzungen zwischen den beiden Nachbarstaaten konnte am 18. März im Zuge des islamischen Feiertags Eid al-Fitr eine fünftägige Feuerpause vereinbart werden. Auf Vermittlung von Saudi-Arabien, Katar und der Türkei ausgehandelt, hielt die vorübergehende Waffenruhe über die Feiertage hinweg. Am 25. März, wenige Tage nach Ablauf der Frist, flammten die Kämpfe an der Grenze erneut auf; mindestens zwei Zivilisten wurden getötet. Während die Lage am Persischen Golf weiter zu eskalieren droht und sich westliche Politiker*innen um steigende Spritpreise an heimischen Tankstellen sorgen, lieferten sich Afghanistan und Pakistan am Wochenende erneut heftige Kämpfe.
Die neuerliche Eskalation erfolgt, während Islamabad sich darauf vorbereitet, Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran auszurichten, mit dem Ziel, den Konflikt im Nahen Osten zu deeskalieren. Auch wenn der Krieg im Nahen Osten die Welt in Atem hält, schmälert das nicht das Potenzial für ernsthafte Konsequenzen im afghanisch-pakistanischen Konflikt. Die Beziehungen befinden sich auf einem historischen Tiefstand, eine nachhaltige Beilegung der Auseinandersetzungen ist nicht in Sicht und die mangelnde internationale Aufmerksamkeit verschärft die Lage zusätzlich.




