Die Neuvermessung amerikanischer Macht – Teil II: Konzentration und Neuanlauf

Donald Trump überwacht im Mar-a-Lago Club den US-Angriff auf Venezuela.

Dies ist Teil 2 von Arno Gottschalks Beitrag „Die Neuvermessung amerikanischer Macht“. Teil 1 findet ihr hier.

Die westliche Hemisphäre als Basis erneuerter Stärke

Die neue Nationale Sicherheitsstrategie setzt einen überraschenden Akzent. Nicht die offene Konfrontation mit China steht am Anfang – obwohl China weiterhin als zentraler Rivale gilt – sondern die westliche Hemisphäre. Nordamerika, die angrenzenden Seewege, Mittel- und Südamerika rücken nach vorn. Der Blick geht zuerst nach innen.

Dahinter steht eine einfache Rechnung. Die Vereinigten Staaten sind nicht militärisch geschlagen, aber sie sind materiell begrenzt. Die industrielle Erosion, die aus der finanzkapitalistischen Globalisierung hervorging, hat ihre strategische Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Erst als diese Schwächung operative Folgen zeigte, wurde die Verwundbarkeit sichtbar.

Also wird konzentriert. Wenn industrielle, finanzielle und politische Mittel nicht unbegrenzt verfügbar sind, müssen sie gebündelt werden. Die westliche Hemisphäre erscheint als erweiterter „Heimat“- und Innenraum, in dem industrielle Rekonstruktion, politische Einflussnahme und militärische Sicherung wieder enger zusammengeführt werden können.

Zentral ist die Wiederherstellung einer eigenständigen industriellen Basis. Produktionskapazitäten sollen in die Vereinigten Staaten zurückkehren, Lieferketten neu geordnet und auf ein produktives Zentrum in Nordamerika ausgerichtet werden. Zölle sind in diesem Zusammenhang kein bloßer Schutzmechanismus, sondern Hebel zur Rückverlagerung von Produktion. Industrie gilt nicht länger als Marktvariable, sondern als sicherheitspolitische Infrastruktur.

Doch diese ökonomische Neuordnung hat eine klare geopolitische Stoßrichtung. China hat seine wirtschaftliche Präsenz in Mittel- und Südamerika ausgebaut – in Häfen, Bergbau, Energie und Infrastruktur. Aus amerikanischer Sicht entsteht damit ein strategisches Risiko im unmittelbaren Umfeld. Der Anspruch ist entsprechend deutlich: Außerhemisphärische Mächte sollen in diesem Raum keinen dominierenden Einfluss gewinnen. Politischer Druck, wirtschaftliche Anreize und selektive Interventionen – etwa gegenüber Venezuela – sind Ausdruck dieses Anspruchs.

Auch die Kontrolle der Seewege erhält neues Gewicht. Der Panama-Kanal, die Karibik, die arktischen Routen um Grönland sind keine bloßen Handelsachsen. Sie sind strategische Scharniere. Wer sie kontrolliert, bestimmt die Bewegungsfreiheit im erweiterten Innenraum.

Erst von hier aus richtet sich der Blick wieder nach außen. Die neue Verteidigungsstrategie vermeidet die alte Eskalationsrhetorik gegenüber China. Stattdessen rückt ein anderes Leitmotiv in den Vordergrund: Stärke. Nicht Provokation, sondern Überlegenheit soll Abschreckung erzeugen.

Das bedeutet Aufrüstung – in einer Dimension, die weit über operative Anpassungen hinausgeht. Für 2027 wurde eine Zielgröße in der Größenordnung von 1,5 Billionen Dollar in Aussicht gestellt. Entscheidend ist dabei weniger die Zahl als die Stoßrichtung: Nicht nur Waffensysteme, sondern die rüstungsindustrielle Basis selbst steht im Mittelpunkt. Das Pentagon beteiligt sich an Rohstoffprojekten, fördert neue Verteidigungsunternehmen und versucht, industrielle Engpässe systematisch abzubauen. Rüstungspolitik wird als Industriepolitik begriffen.

Ein Schlüsselbereich ist die künstliche Intelligenz. Der Wettbewerb um KI entscheidet über Geschwindigkeit, Präzision und Entscheidungsfähigkeit moderner Streitkräfte. Autonome Systeme, Datenfusion, Echtzeitanalyse – wer hier zurückfällt, verliert operative Tiefe. Der Anspruch ist eindeutig: Im KI-Wettlauf mit China darf es keinen strukturellen Rückstand geben.

Parallel dazu werden die nuklearen Potenziale erneuert. Die Modernisierung der Triade soll langfristige Abschreckung sichern und Zweitschlagfähigkeit garantieren. Hinzu kommen Arbeiten an einem erweiterten Raketenabwehrsystem – häufig als „Golden Dome“ bezeichnet – das die eigene Verwundbarkeit reduzieren soll. Verwundbarkeit zu senken ist ebenso wichtig wie Schlagkraft zu erhöhen.

Die Bewegung bleibt jedoch nicht auf industrielle und militärische Instrumente beschränkt. Washington versucht zugleich, die geopolitische Konstellation zu verschieben. Russland soll möglichst aus der engen Kooperation mit China gelöst werden. Die Aussicht auf eine Beendigung des Ukraine-Krieges und auf wirtschaftliche Projekte ist in diesem Licht zu sehen: nicht als moralische Geste, sondern als machtpolitischer Versuch, eine Achse zu schwächen.

Auch Europa gerät unter Druck. Die Vereinigten Staaten erwarten eine Reduzierung der wirtschaftlichen Verflechtung mit China und eine stärkere Einbindung in eine sicherheitspolitisch definierte Wirtschaftsordnung. Handel, Technologie und Bündnistreue werden enger miteinander verknüpft.

Im Indopazifik wiederum bleibt die Konkurrenz real – nur anders organisiert. Die vorgelagerte Inselkette wird durch vertiefte Kooperation mit Japan, Südkorea und Australien stabilisiert. Deren eigene Aufrüstung soll operative Risiken verteilen. Gleichzeitig wird die Marine gestärkt, um strategische Engpässe dauerhaft unter Kontrolle zu halten – im Südchinesischen Meer ebenso wie an anderen neuralgischen Punkten, von der Straße von Hormuz bis zu arktischen Passagen.

Die Logik ist eindeutig. Auf die doppelte Begrenzung – industrielle Abhängigkeit und operative Verwundbarkeit – folgt keine Resignation, sondern Neuordnung. Zuerst wird der eigene Raum materiell und politisch gefestigt. Aus dieser Verdichtung heraus soll neue Stärke entstehen.

Ob dieser Umbau gelingt, ist alles andere als sicher. Die industrielle Rekonstruktion eines globalisierten Produktionssystems wird nicht geräuschlos verlaufen. Lieferketten lassen sich nicht einfach umstellen, technologische Vorsprünge nicht administrativ erzwingen, geopolitische Konstellationen nicht beliebig verschieben.

Hinzu kommt: Der systemische Rivale bleibt nicht passiv. China wird seinerseits seine industrielle und technologische Basis weiter ausbauen, seine ökonomischen Hebel nutzen und über BRICS und den globalen Süden politische und finanzielle Spielräume erweitern. Rohstoffe, Absatzmärkte und alternative Zahlungsmechanismen sind dabei ebenso Instrumente wie militärische Modernisierung. Der strategische Wiederanlauf der USA findet nicht im Vakuum statt, sondern unter aktivem Gegenwind.

Noch grundlegender ist eine zweite Dimension. Die amerikanische Hegemonie beruht nicht nur auf industrieller und militärischer Stärke, sondern auf der Dominanz des Dollars im globalen Finanzsystem. Dieses „exorbitante Privileg“ erlaubt es den Vereinigten Staaten, enorme Defizite in eigener Währung zu finanzieren und ihren Militär- und Sicherheitsapparat aufrechtzuerhalten. Mit dem Aufstieg Chinas und der zunehmenden Koordination der BRICS-Staaten ist diese Dominanz erstmals politisch unter Druck geraten. Alternative Zahlungswege, lokale Währungsabkommen und schrittweise Entdollarisierung einzelner Handelsströme verändern die Rahmenbedingungen. Der Dollar bleibt dominant – aber seine Unangefochtenheit ist nicht mehr selbstverständlich.

Der Umbau wird länger dauern, als es sich manche in Washington vorstellen. Und er vollzieht sich unter Bedingungen wachsender Konkurrenz – industriell, militärisch und finanziell. Doch unabhängig vom Tempo markiert die jetzige Ausrichtung eine langfristige Richtungsentscheidung. Die Priorisierung des eigenen strategischen Innenraums, die sicherheitspolitische Aufladung von Industriepolitik und der Versuch, Stärke aus materieller und finanzieller Konsolidierung neu zu gewinnen, werden die amerikanische Politik der kommenden Jahre – möglicherweise Jahrzehnte – prägen.

Arno Gottschalk

Haushalts- und finanzpolitischer Sprecher der SPD in der Bremischen Bürgerschaft.

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