Am 28. August 2026 verkündete der US-Präsident „DEN GRÖSSTEN ÖL-DEAL DER WELTGESCHICHTE“: Washington habe sich die Mehrheitskontrolle über mehr als 65 Milliarden Barrel venezolanischer Ölreserven gesichert – rund ein Fünftel der nationalen Reserven des Landes. 17 Ölfelder, mehr als 100 Milliarden Dollar Investitionen, angeblich 209 Milliarden Dollar Steuereinnahmen für Caracas, ein neues Gemeinschaftsunternehmen mit 55 Prozent US-Kontrolle über den Ertrag und einer 100-jährigen Konzession. Zahlen ohne veröffentlichten Vertragstext, ohne genannten Partnerkonzern, verkündet mit der Marktschreierei eines Immobilienmoguls, der das größte Geschäft seines Lebens gemacht zu haben glaubt.
Zu erkennen ist bei diesem Staatsakt das immer gleiche Muster des Raubkapitalismus: Ein Land wird durch einen Vertrag mit begleitenden zynischen Worten wohlwollend „bereichert“, während US-Konzerne und der US-Staat selbst die physische Substanz seiner Bodenschätze übernehmen. Chevron und Shell hatten seit dem Frühjahr 2026 bereits Anteile an den ergiebigsten Feldern des Orinoco-Gürtels untereinander getauscht, Washington öffnete per Generallizenz auch BP, Eni und Repsol den Zugriff.
Der „größte Deal der Weltgeschichte“ ist damit die Fortsetzung eines längst laufenden Ausverkaufs an die USA, die gewaltsame Trennung eines Landes von der Verfügung über seine eigenen Produktionsgrundlagen; für die US-Imperialisten zudem ein ergänzender Akt nachholender Akkumulation im globalen Maßstab, mit dem verlorener Boden im eigenen südamerikanischen Hinterhof gegenüber Chinas wachsendem Einfluss zurückerobert werden soll.
Der eigentliche Kern dieses Vorgangs liegt aber in der Monroe-Doktrin, die einen solchen Zugriff seit über zweihundert Jahren als naturgegebenes Recht der USA ausweist.
Vorlage für Landnahme und Raub
Die 1823 von US-Präsident James Monroe verkündete Doktrin erklärte den amerikanischen Kontinent für europäische Kolonialmächte zum Tabu; offiziell ein Akt antikolonialer Solidarität mit den jungen lateinamerikanischen Republiken. Aus marxistischer Perspektive war sie von Anfang an etwas anderes: die ideologische Einhegung eines Kontinents als exklusive Verwertungssphäre des heranwachsenden nordamerikanischen Kapitals. Nicht die Befreiung Lateinamerikas von Fremdherrschaft war das Ziel, sondern der Ausschluss konkurrierender Kapitale – Großbritanniens, Frankreichs, Spaniens – von einem Markt- und Rohstoffraum, den die USA selbst zu erschließen gedachten.
Mit dem Übergang zum Finanzkapital am Ende des 19. Jahrhunderts wurde aus der Doktrin ein offensives Instrument. Theodore Roosevelts „Corollary“ von 1904 erklärte militärische Intervention zur legitimen Ordnungsfunktion, sobald US-Wirtschaftsinteressen – Bananenplantagen, Zuckerraffinerien, spätere Ölkonzessionen – gefährdet schienen.
Die Analyse des „Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ von Lenin beschreibt genau diesen Mechanismus: Wenn die Welt bereits zwischen den Großmächten aufgeteilt ist, bleibt als Wachstumsform des Kapitals nur die Neuaufteilung bestehender Einflusssphären, mit ökonomischen oder militärischen Mitteln. Die „Bananenkriege“ in Mittelamerika, die Errichtung der Kanalzone in Panama und die Präsenz der United Fruit Company als Staat im Staate sind frühe Kapitel derselben Logik.
Monroe-Doktrin 2.0
Was 2026 neu ist, ist die offizielle Festlegung der Doktrin als außenpolitischer Standard der USA. Die im Dezember 2025 veröffentlichte nationale Sicherheitsstrategie der Trump-Regierung erklärt wörtlich, man werde „die amerikanische Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre wiederherstellen“ und „außerhalb der Hemisphäre stehenden Konkurrenten die Fähigkeit verweigern, Kräfte zu positionieren oder strategisch bedeutsame Vermögenswerte in unserer Hemisphäre zu besitzen oder zu kontrollieren“. Kommentatoren nennen das Konzept u. a. „Monroe-Doktrin 2.0“: sie drückt aus, dass es nicht um Sicherheitspolitik geht, sondern um einen Eigentumsanspruch. Außenminister Marco Rubio formulierte es unverblümt: „Das ist die westliche Hemisphäre. Hier leben wir – und wir werden nicht zulassen, dass die westliche Hemisphäre zur Operationsbasis für Gegner, Konkurrenten und Rivalen der Vereinigten Staaten wird.“
Die Strategie fordert explizit, „jede Anstrengung zu unternehmen, um ausländische Unternehmen, die Infrastruktur in der Region errichten, zu verdrängen“. Eine kaum verhüllte aggressive Formel gegen chinesische Infrastruktur-Investitionen.
Diese Doktrin ist die eigentliche Überschrift über dem Venezuela-Deal. Der Vertrag vom 28. August 2026 kam acht Monate nach einem direkten völkerrechtswidrigen militärischen Zugriff auf den venezolanischen Staat zustande, mit dem Ziel, den Präsidenten eines souveränen Staates, Maduro, gefangen zu nehmen. Völkerrechtler bewerteten die Aktion als offenen Bruch der UN-Charta, ohne jede Sicherheitsratsresolution.
Der „größte Öl-Deal der Weltgeschichte“ ist mithin kein Vertrag zwischen souveränen Partnern, sondern die anmaßende Nachbereitung einer Entmachtung: geschlossen mit einer von den USA eingesetzten Übergangsregierung unter Delcy Rodríguez – ein Dreiklang aus Entführung des Staatschefs, Installation einer gefälligen Verwaltung und Aneignung der Bodenschätze, den die Monroe-Doktrin 2.0 als Programm offen benennt.
Der Blick zurück zeigt, dass Washington dieses Dreiklang-Muster in Lateinamerika immer wieder erprobt hat, mit wechselnder Verkleidung.
Guatemala 1954: das Vorbild des privaten Putsches
1954 hatte der demokratisch gewählte guatemaltekische Präsident Jacobo Árbenz eine Landreform eingeleitet, die Flächen der United Fruit Company enteignen und gegen Entschädigung an landlose Bauern verteilen sollte. Die United Fruit Company war zugleich größter Kapitalist mit den meisten Lohnbeschäftigten und größter Grundbesitzer des Landes – ein Staat im Staate mit eigenen Eisenbahnen und Häfen. Unter dem Decknamen „Operation PBSUCCESS“ finanzierte, bewaffnete und trainierte die CIA eine Exilarmee, unterstützt von CIA-gesteuerten Bombardierungen in Guatemala-Stadt. Árbenz trat am 27. Juni 1954 zurück; mehr als 9.000 seiner Anhänger wurden verhaftet, ein 36 Jahre währender Bürgerkrieg mit rund 200.000 Toten folgte. Guatemala 1954 ist der Reintext dessen, was die Monroe-Doktrin im 20. Jahrhundert praktisch bedeutete: Die Souveränität eines Landes wurde zerschlagen, sobald ein US-Konzern die Landreform als Enteignung zu spüren bekam. Formal galt es, eine Abwehr des Kommunismus vorzunehmen, faktisch war es die Verteidigung der im Lande agierenden Großkonzerne.
Chile 1973: Kupfer, Kissinger und die Blaupause für Venezuela
Fast zwei Jahrzehnte später wiederholte sich das Muster in Chile, diesmal gegen einen demokratisch gewählten Sozialisten gerichtet: Salvador Allende ließ im Juli 1971 per Verfassungsänderung die US-Kupferkonzerne Anaconda und Kennecott entschädigungslos nationalisieren. Kupfer war für Chile das, was Öl für Venezuela ist: die zentrale Exportware und der Schlüssel zu wirtschaftlicher Souveränität. US-Präsident Nixon und sein Sicherheitsberater Henry Kissinger reagierten mit dem offen formulierten Auftrag an die CIA, die chilenische Wirtschaft „schreien“ zu lassen und Allendes Regierung zu destabilisieren. Anaconda, Kennecott und der Telefonkonzern ITT, der 70 Prozent der chilenischen Telefongesellschaft besaß und dessen Enteignung Allende 1972 ankündigte, finanzierten den Putsch direkt mit. Am 11. September 1973 stürzte General Augusto Pinochet die Regierung. Allende wurde ermordet. Es folgten siebzehn Jahre Militärdiktatur mit Tausenden Ermordeten und Verschwundenen.
Was verbindet Chile 1973 mit Venezuela 2026 und was unterscheidet sie?
Vergleichbar ist zuallererst der Auslöser: In beiden Fällen stand zu Beginn der Versuch eines Landes, die Kontrolle über seinen wichtigsten Rohstoff der nationalen Verfügung zu unterstellen, statt sie ausländischem Kapital zu überlassen: Chiles Kupfer unter Allende, Venezuelas Öl unter Chávez und Maduro seit den Verstaatlichungen der 2000er-Jahre.
Vergleichbar ist zweitens die Fusion von Konzern- und Staatsinteresse: 1973 finanzierten Anaconda, Kennecott und ITT den Umsturz, 2026 verhandeln Chevron, Shell, BP, Eni und Repsol die Aufteilung der Ölfelder parallel zum politischen Zugriff Washingtons.
Vergleichbar ist drittens der Rückgriff auf einheimische Übergangsfiguren. Wie Pinochet damals, ist es heute Delcy Rodríguez, die dem US-Zugriff einen Anschein nationaler Legitimität verleihen soll.
Die neue Offenheit der Methode des Raubkapitalismus
Der Militärputsch in Chile 1973 wurde von Washington jahrzehntelang dementiert, bis Geheimdokumente ihn belegten. Venezuela 2026 kannte keine vergleichbaren und irreführenden Fehlinformationen: Die Gefangennahme des Staatschefs erfolgte nicht verdeckt, sondern öffentlich, als live vermarktete Militäroperation, gefeiert als legitimer Staatsakt. Neu ist dabei, dass der US-Staat sich nicht mehr damit begnügt, private Konzerninteressen zu schützen, sondern selbst zu 55 Prozent Miteigentümer des neu geschaffenen Ölkonzerns wird. Eine direkte Verstaatlichung fremden Eigentums durch den US-Staat, ohne den Umweg über nominell private Unternehmen, den es 1973 noch brauchte.
Und neu ist der geopolitische Rahmen: 1973 ging es um die Eindämmung des Sozialismus im Kalten Krieg, 2026 geht es primär um die Eindämmung Chinas.
Die Rolle Chinas und die Frage nach dem Zeitpunkt
Warum gerade jetzt, warum mit dieser Offenheit? Die Antwort liegt in der ökonomischen Konkurrenz, die sich seit den 2000er-Jahren im vermeintlichen „Hinterhof“ der USA entwickelt hat. Venezuela und die Volksrepublik China unterzeichneten im September 2023 eine „umfassende strategische All-Wetter-Partnerschaft“, die höchste diplomatische Kategorie, die Peking vergibt.1 Der chinesische Staatskonzern CNPC hält seit 2018 49,9 Prozent der Ölmischgesellschaft Sinovensa, ergänzt um eine Kreditlinie von fünf Milliarden Dollar für Ölfelder im Orinoco-Gürtel; damals unterzeichneten Caracas und Peking sogar eine Absichtserklärung, wonach China im Falle einer „feindlichen ausländischen militärischen Intervention“ Streitkräfte zum Schutz der „verfassungsmäßigen Stabilität“ der venezolanischen Regierung entsenden könnte. Venezuela schuldet Peking nach Schätzungen von AidData rund zehn Milliarden Dollar, und private chinesische Firmen wie China Concord Resources Corp investierten noch 2025 gut eine Milliarde Dollar in Ölfelder am Maracaibo-See, um dort binnen eines Jahres 60.000 Barrel täglich zu fördern, mit chinesischem Personal vor Ort.
Genau diese Präsenz ist der eigentliche Anlass der US-Eile. Nach der Gefangennahme Maduros setzte die Übergangsregierung im Februar 2026 19 unter Maduro geschlossene Öl- und Gasförderverträge aus, unter denen sich mehrere unbenannte chinesische Unternehmen befanden. Unter den 17 Feldern des jetzigen „historischen“ Deals liegen ausdrücklich auch Gebiete am Maracaibo-See, die zuvor von einer kleinen vertraglich gebundenen chinesischen Firma betrieben wurden. Washington erlaubte chinesischen Käufern zwar weiterhin den Erwerb venezolanischen Öls, aber nur noch zu US-kontrollierten Marktpreisen, nicht mehr zu den Rabatten, die Maduro eingeräumt hatte, und die Erlöse fließen inzwischen über ein von den USA kontrolliertes Konto in Katar. Der Venezuela-Deal ist also, in der ursprünglichen Diagnose dieses Textes, tatsächlich ein Akt nachholender Akkumulation: Washington sichert sich nicht nur Öl, sondern schneidet gezielt jene chinesischen Kapitalstränge ab, die sich in zwei Dekaden im vermeintlichen US-Hinterhof festgesetzt hatten, bevor sie irreversibel würden.
Multilaterale Gegenbewegung: China, Venezuela und der Globale Süden
Dass China überhaupt eine ernstzunehmende Alternative bot, liegt an einer seit 2015 aufgebauten multilateralen Architektur, die sich fundamental von der bilateralen Zwangslogik der Monroe-Doktrin unterscheidet: dem China-CELAC-Forum, das Peking mit der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten verbindet.2 Auf dem vierten Ministertreffen dieses Forums im Mai 2025 in Peking kündigte Xi Jinping eine neue Kreditlinie von 9,2 Milliarden Dollar für die gesamte Region an. Anwesend waren mit Kolumbiens Gustavo Petro, Brasiliens Lula da Silva und – bemerkenswert im Kontext dieses Textes – Chiles Gabriel Boric drei Staatschefs, deren Länder historisch selbst Ziel US-amerikanischer Interventionspolitik waren. Ergänzt wird dies durch das China-CELAC-Infrastrukturforum, das im Juni 2026 in Macau eine „neue Phase grüner und digitaler Infrastrukturkooperation“ proklamierte.3
Aus marxistischer Perspektive verbietet sich jede unkritische Gegenüberstellung von „gutem“ chinesischen und „bösem“ US-amerikanischen Kapital: Auch Pekings Kredite, Rohstoffabkommen und Infrastrukturprojekte folgen einer wirtschaftlichen Verwertungslogik und zielen auf gesicherten Zugriff auf Öl, Lithium und Kupfer. Grundsätzlich unterscheidet sich aber die Form: China praktiziert nachweislich bilaterale Kooperation auf Augenhöhe – souveräne Verfügung des Partnerlandes über eigene Rohstoffe statt Enteignung, basierend auf dem außenpolitischen Grundsatz der „Fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz“. Wirtschaftliche Kooperation erfolgt über Kredite, Beteiligungen und multilaterale Foren, nicht Entführungen von Staatschefs und hundertjährige Konzessionen, was Regierungen des Globalen Südens Verhandlungsspielraum eröffnet, ohne Chinas Gesellschaftsformation zu einem vorgegebenen Modell zu machen. Darauf reagieren die USA mit der Rückkehr zur ältesten ihrer Waffen – der militärisch erzwungenen Neuaufteilung der Sphäre von 1823.
Fazit: der Deal als Notariat des Raubs
Die Linie von Guatemala 1954 über Chile 1973 zum Venezuela-Deal 2026 ist keine Abfolge einzelner Verfehlungen, sondern die Kontinuität einer einzigen Eigentumsordnung, die 1823 als Abwehrformel begann und heute als offen erklärte Strategie fortbesteht. Was sich verändert hat, ist nicht das Ziel, sondern der Aufwand an Verkleidung, den Washington noch für nötig hält. 1954 brauchte es einen finanzierten Exilputsch mit CIA-Bombern; 1973 brauchte es einen Militärputsch, der jahrzehntelang bestritten wurde; 2026 genügt eine nächtliche Militäroperation, gefolgt von einem Vertrag mit einer selbst eingesetzten Übergangsregierung – öffentlich gefeiert, nicht mehr verleugnet.
Die Monroe-Doktrin 2.0 ist der Rahmen, der diese Offenheit erst ermöglicht: Sie erklärt, was zuvor als Anomalie kaschiert werden musste, zur staatstragenden Norm. Der „größte Öl-Deal der Weltgeschichte“ ist deshalb kein Wirtschaftsabkommen mit begleitender Sicherheitspolitik, sondern das genaue Gegenteil – die notarielle Beglaubigung eines vollzogenen Raubs, mit der Sprache des Immobiliengeschäfts über die Tatsache hinweggetäuscht, dass ihm die Entführung eines Präsidenten voranging. Dass China als Konkurrenzkapital in derselben Region inzwischen kreditbasierte, multilaterale Formen der Einflussnahme anbietet, ändert an dieser Systemlogik nichts, es erklärt nur, warum Washington gerade jetzt, mit dieser Dringlichkeit, zur ältesten seiner Waffen zurückkehrt.
1Hudson Institute, „China-Venezuela Relations after Maduro“, https://www.hudson.org/foreign-policy/china-venezuela-relations-after-maduro-justice-mission-2025-japans-2026-defense-miles-yu-colin-tessier-kay
2Council on Foreign Relations, „China in Latin America: May 2025“, https://www.cfr.org/articles/china-latin-america-may-2025
3 Global Times, „China reaffirms friendship with Latin America and proposes new phase of green and digital infrastructure cooperation“, 12.06.2026, https://www.globaltimes.cn/page/202606/1363416.shtml



