Buchrezension: Die vergessenen Palästinenser

»Die vergessenen Palästinenser« erschien im April 2025 in deutscher Übersetzung bei Westend

In seinem Werk „Die vergessenen Palästinenser“ beschreibt Ilan Pappé die besondere Rolle der 1948er Palästinenser für eine friedliche Zukunft im Nahen Osten – eine Rezension von Mohammed Ali Chahrour.

In seinem Buch „Die vergessenen Palästinenser“ erzählt Ilan Pappé mit großer Sorgfalt die Geschichte der 1948er Palästinenser. Jener Palästinenser, die aus vielfältigsten Gründen nach der Nakba (arabisch für: Katastrophe) nicht aus Palästina vertrieben wurden. Im Zuge jener Nakba wurden Tausende Palästinenser von zionistischen Hagana-Milizen getötet und 750,000 aus ihrem Land vertrieben. Doch einige Palästinenser konnten der Katastrophe entrinnen und verblieben im neu geschaffenen Israel.

Viele dieser 48er Palästinenser, wie man sie heute noch nennt, haben dennoch ihre Häuser, ihr Land und ihr Eigentum verloren. Nichtdestotrotz verharrten sie im gerade entstehenden Israel aus. Die meisten von ihnen kamen aus urbanen Ballungszentren oder lebten in Ortschaften, die von den Kämpfen weitgehend verschont blieben, mitunter weil sie wegen ihres unfruchtbaren Bodens für die zionistischen Siedler uninteressant waren. Wieder andere versteckten sich und ließen sich an anderer Stelle im Land nieder. Einigen, wie Teilen der drusischen Gruppen, wird zuweilen eine aktive Kollaboration mit den Terrormilizen der Hagana nachgesagt.

Diese verbliebenen Palästinenser waren fortan die arabische Minderheit in Israel. Wenn es um den „Nahostkonflikt“ geht, werden sie oft ignoriert oder instrumentalisiert. Im Diskurs gelten sie für manche als Ausweis für eine intakte israelische Demokratie. Lange Zeit kämpften die Palästinenser in Israel um ihre Rolle im palästinensischen Widerstand. Dort galten sie für manche als Verräter oder Kollaborateure. In Israel fristen sie bis heute ein Dasein am Rande der Gesellschaft. Wenn man Pappé fragt, dann gelten sie in den Augen des israelischen Staates, bis heute als Gefahr, als „fünfte Kolonne“ des palästinensischen Widerstandes – ein Sicherheitsrisiko, dem man sich am liebsten entledigen würde. Gleichzeitig wurden sie von verschiedenen israelischen Regierungen als Aushängeschild der eigenen Rechtsstaatlichkeit präsentiert. Diese komplexe Geschichte einer wenig beachteten Minderheit gibt Ilan Pappé eindrücklich und detailreich wieder. Die Geschichte einer Minderheit, der er sich selbst wie er schreibt, mehr verbunden fühlt als der israelischen Gesellschaft. Und doch weiß er, um seine privilegierte Position, wenn er in seiner Einleitung reflektiert:

Wenn man einer privilegierten, unterdrückerischen Mehrheit angehört, tut man, was man tut, nicht in Erwartung stehender Ovationen, auch nicht in Erwartung von Dankbarkeit, sondern vielmehr um den eigenen Seelenfrieden und der moralischen Genugtuung willen.“

Pappé beschreibt den langwierigen und schwerfälligen Weg der palästinensischen Minderheit in Israel aus der Militärherrschaft heraus in eine Staatsbürgerschaft zweiter Klasse. Er beschreibt ihr Leid wie im Kafr-Qasem Massaker am Vorabend der israelischen Invasion des Sinais mit britischer und französischer Unterstützung. Briten und Franzosen waren seinerzeit aus wirtschaftlichen und machtpolitischen Erwägungen mit der Verstaatlichung des Suez-Kanals durch Ägypten nicht einverstanden und wollten dies militärisch verhindern. In Kafr-Qasem, welches wohlgemerkt an der Grenzregion zum Westjordanland lag, also hunderte Kilometer von dieser Invasion entfernt, kam es dennoch zu einem Massaker an Palästinensern. Knapp 50 Menschen fanden auf ihrem Heimweg den Tod. Die getöteten waren rechtlich Staatsbürger Israels aber blieben ethnisch Palästinenser. Unter ihnen waren viele Arbeiter, aber auch Frauen, Kinder und Schwangere, die ohne eigenes Verschulden die kurzfristig vorgezogene Ausgangssperre missachtet hatten. Die damalige Sperre war einzig und allein für die „palästinensischen Israelis“ verhängt worden. Als das Kafr-Qasem Massaker Wochen später die israelische Öffentlichkeit erreichte, löste dies breite Empörung und Fassungslosikgeit aus. In der Historiographie Pappés zeitigte dieses Massaker auf zynische Weise das formale Ende der Militärherrschaft, welche von 1948-1967 galt. Mit Ihrem Ende gewann die vergessene Minderheit ein wenig mehr Freiheit. Pappé resümiert diese Phase folgendermaßen: „Ich hoffe, dieses Kapitel hat auf jeden Fall gezeigt, dass die Gemeinschaft sich nicht widerstandslos fügte.“

Die formale Abschaffung der Militärherrschaft durch die israelische Führung beendete jedoch nicht die diskriminierende Praxis gegen die 48er. Sie fiel zeitlich zusammen mit der Besatzung des Westjordanlands und Ost-Jerusalem nach dem 6-Tage-Krieg, die von nun an unter Militärherrschaft lebten. Der Widerstand der 48er hielt weiter an, wie am „Tag des Bodens“ mit dem sie seit 1976 gegen die Enteignung von Palästinensern in Galiläa im Norden Israels auf die Straße gehen. Die palästinensische Minderheit blieb in den Augen vieler Teil eines zukünftigen Palästinas. Sie wurde aufgrund der ethnischen Feindseligkeit immer wieder zur Zielscheibe von Gewalt und Repression, wie nach der ersten und der zweiten Intifada und sie ist es auch heute noch. Pappé zeichnet nach, wie die palästinensische Minderheit unter ständiger staatlicher Kontrolle und Überwachung für Ihre Rechte innerhalb der israelischen Gesellschaft einzustehen versuchte, ohne den Anschluss zum palästinensischen Widerstand im Westjordanland, Gaza, Libanon und Ägypten zu verlieren. Und wie sie trotz zahlloser Versuche israelischer Regierungen nie endgültig von ihrer palästinensischen Identität zu trennen war.

Wer sich in die Irrungen und Wirrungen der palästinensischen Geschichte begibt, wird sich beim Lesen dieser historischen Nacherzählung Pappés unweigerlich fragen: Aber was ist mit dem Genozid in Gaza? Dort, wo mindestens Zehntausende in knapp zwei Jahren ihr Leben gelassen haben. Dies ist eine Frage, die Pappé in seinem Vorwort adressiert, auch wenn sie in seinem Werk keine Beachtung findet. Und dennoch macht sein 2011 erstmals veröffentlichtes Buch in beeindruckender Sachlichkeit bewusst: Die Geschichte der palästinensischen Unterdrückung begann nicht am 07. Oktober 2023. So unbeschreiblich und menschlich unbegreiflich das Leid und die Gewalt in Gaza sein mögen, sie sind kein singuläres Ereignis. Sie sind die schreckliche Akkumulation einer Kette von Ereignissen, inmitten einer palästinensischen Leidensgeschichte vom Meer bis zum Jordan – From the river to the sea – über bald einem knappen Jahrhundert.

In seinem Buch zeichnet der Historiker die systematische Landnahme, Enteignung und Entrechtung der Palästinenser nach, auch derer im Westjordanland und in Gaza. Hauptaugenmerk seiner Analyse liegt bei den „vergessenen Palästinenser“ den 48ern, von denen er behauptet, dass ihnen im Falle einer wie auch immer gearteten friedlichen Lösung zwischen Israelis und Palästinensern eine besondere Verantwortung zukäme. Sie seien, die einzigen die jene Brücken der Versöhnung schlagen könnten, welche für eine potenzielle binationale Zukunft notwendig seien. Denn sie kennen die Israelis nicht nur als Besatzer und Soldaten, sondern auch als Nachbarn und Mitmenschen. Ihre Existenz, welche gerne aus propagandistischen Gründen zum Beweis der israelischen Demokratie missbraucht wird, ist in Wahrheit Beweis dafür, dass der 7. Oktober nicht der Anbeginn der Zeitrechnung im Nahen Osten ist. Selbst jene Palästinenser, die sich unter israelischer Herrschaft befinden, lebten nicht in Frieden und Freiheit.

Insgesamt ist die Geschichte der vergessenen Palästinenser ein Beleg dafür, dass die Erzählung von der „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ ein Ammenmärchen ist und das nicht erst seit dem Nationalstaatsgesetz von 2018 mit dem die bereits bestehende Diskriminierung gesetzlich zementiert wurde. Zwar behandelt Pappé in seinem Werk die aktuellen Ereignisse in Gaza nach dem 7.Oktober 2023 nicht, aber wer verstehen will, wo die palästinensische Minderheit heute steht und warum sie sich angesichts des Leides in Gaza nicht erhebt, der kann in Pappés Werk Antworten finden: Pappé beschreibt den heutigen israelischen Staat als eine Mischform zwischen einem Geheimdienststaat entsprechend dem „Mukhabaratstaat“, wie er in vielen arabischen Ländern herrscht und einem Siedlerkolonialstaat, wie zum Beispiel unter der Apartheid in Südafrika. In einem solchen System wird niemand mehr überwacht, reglementiert und kontrolliert wie eben diese als feindselig wahrgenommene Minderheit im Inneren. Die vergessenen Palästinenser in Israel haben die Palästinenser in Gaza und im Westjordanland sicher nicht vergessen, aber sich für sie zu erheben, könnte für sie tödlich enden.

Wer Pappés Schilderungen folgt, begreift, die Geschichte der palästinensischen Minderheit in Israel ist vor allem eine des Überlebens. Und Überleben war und ist in ihrem Falle Widerstand. Widerstand gegen Ungleichheit, gegen ethnische Diskriminierung, gegen ethnische Säuberung. Am Ende seines Buches fasst Pappé seine Aufgabe als Historiker und die der Geisteswissenschaften folgendermaßen zusammen:

Zusammengenommen, wie in diesem Buch versucht, kompensieren sie den Mangel an Medienaufmerksamkeit und Gleichgültigkeit der Welt gegenüber dieser entscheidenden Gruppe von Menschen, von der vieles, was in nicht allzu ferner Zukunft in Israel und Palästina geschehen wird, abhängen könnte.“

Wer einen umfassenden Einblick in die palästinensisch-israelische Geschichte gewinnen will, dem ist diesem Buch dringend zu empfehlen und für jene im deutschen Diskurs, die die Geschichte der Palästinenser nicht kennen, sollte es zur Pflichtlektüre gehören.

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