Ich wurde in einem kleinen Dorf namens Mayamas geboren, etwa 17 Kilometer südlich von Swaida, eingebettet in die Berge. Diese malerische Landschaft war lange ein Zeichen für Ruhe – seit dem 15. Juli 2025 jedoch auch ein Fluchtort für vor allem Kinder und Frauen, die vor der Terrorinvasion dschihadistischer Milizen in Swaida Schutz suchten.
Hintergrund: Swaida in der syrischen Landschaft
Die drusische Gemeinschaft hat sich früh gegen die Teilnahme am Assad-Militär gestellt. Viele junge Drusen verweigerten den Wehrdienst – eine Haltung, die von Beobachterinnen als möglicher Auslöser für die IS-Angriffe auf Swaida im Jahr 2018 gesehen wird. Damals griff der sogenannte Islamische Staat Zivilisten in der Region an und tötete über 250 Menschen – offenbar mit Duldung des Regimes, das die Drusen damit warnen wollte.
Swaida ist das geistige und gesellschaftliche Zentrum der syrischen Drusen. Als 2023 in fast ganz Syrien kaum Proteste stattfanden, war Swaida die Ausnahme: Dort protestierte die Bevölkerung gegen Assad – unterstützt von dem geistlichen Führer Scheich Hikmat Al-Hajari. Sein Name wurde in dieser Zeit in arabischen Medien wie Al Jazeera als Symbol für friedlichen Widerstand bekannt. Dass Proteste ausgerechnet in Swaida möglich waren, lag auch daran, dass das Regime in anderen Teilen des Landes brutal gegen jede Form von Opposition vorgegangen war – mit Massakern, Einschüchterung und massiver Repression. In Swaida hingegen duldete es die Demonstrationen zunächst, um seine Minderheitenkarte aufrechtzuerhalten, die es seit Jahren innen- wie außenpolitisch strategisch ausspielt.
Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 blieb es in Swaida zunächst ruhig. Der Einfluss des alten Systems war bereits stark geschwächt. Doch viele bewaffnete Gruppen blieben aktiv, allen voran die Miliz „Rijal al-Karama“, die junge Männer damals davor bewahrte, zwangsweise zur Armee eingezogen zu werden. Dafür zahlte sie einen hohen Preis: 2018 wurde ihre Führung bei einem Anschlag getötet, den viele Beobachter*innen dem Regime zuschreiben. Dennoch wuchs ihre Rolle in der Region weiter, und sie schlugen später mit anderen Truppen aus Swaida auch den von Assad unterstützten Drogenboss Raji Falhout und dessen Miliz zurück.
Nach dem Regimesturz forderte die neue Übergangsregierung unter al-Julani, auch bekannt als al-Scharaa die Drusen auf, ihre Waffen abzugeben und ihre Kämpfer in das neue Militär zu integrieren. Scheich Al-Hajari lehnte ab: „Wir wollen einen demokratischen Übergang – und dieser wurde uns bisher nicht garantiert.“ Kritiker*innen werfen ihm vor, Swaida von der neuen Ordnung fernhalten zu wollen.
Eskalation 2024/25: Die aktuelle Lage in Swaida
Im März 2025 begann das Vertrauen zwischen den Drusen und dem neuen Machthaber zu bröckeln – wohlwissend, dass die Drusen mit rund 3 % der syrischen Bevölkerung eine kleine Minderheit sind, während das neue Regime über zehntausende schwer bewaffnete Kämpfer verfügt. Auslöser war ein Gefecht zwischen dem neuen Regime und einer Gruppe des alten Regimes, die angeblich den Alawiten (Auch eine Minderheit) angehörte, bei dem nicht nur Soldaten, sondern auch gezielt Zivilisten angegriffen wurden. Dabei kam es zu Massakern, bei denen ganze Familien alawitischer Zivilisten von Dschihadisten getötet wurden – allein aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit. Eine zweite Stufe des Vertrauensverlusts folgte im April 2025, als eine angeblich von einem drusischen Mann stammende Sprachnachricht geleakt wurde, in der dieser den Propheten Mohammad beleidigt haben soll. In der Folge kam es zu Angriffen auf Drusen in verschiedenen Orten – darunter Ashrafiyat Sehnaya, Sehnaya und Jarmana. Drusen wurden allein aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit zur Zielscheibe, weil die Sprachnachricht angeblich von einem Drusen stammte. Soldaten des Regimes, die die Lage eigentlich deeskalieren sollten, waren nach Berichten sogar an den Angriffen auf Drusen beteiligt. All diese Ereignisse führten dazu, dass die Drusen dem neuen Regime in Damaskus ihre Waffen nicht ohne klare Garantien übergeben wollten – und die geplante Waffenabgabe sich dadurch erheblich verzögerte.Die letzte Eskalation begann mit einem Überfall auf einen drusischen Händler auf der Straße zwischen Damaskus und Swaida. Die Drusen machten Beduinen verantwortlich und entführten daraufhin mehrere von ihnen – was wiederum zu Gegengewalt führte. Die Kämpfe eskalierten besonders in al-Maqouas, einem Ort mit Beduinenbevölkerung.
Die Übergangsregierung kündigte an, „Ordnung herzustellen“, und entsandte Sicherheitskräfte. Am 15. Juli 2025 wurde ein Abkommen zwischen der Regierung in Damaskus und mehreren religiösen Würdenträgern in Suwayda öffentlich bekannt gegeben. Dieses sah vor, dass Damaskus unter Einbindung dieser geistlichen Autoritäten eigene Vertreter und Truppen in die Region entsenden durfte.
Doch kurz nach ihrem Einmarsch kam es zu Massakern: Milizionäre der al-Julani-Fraktion überfielen u. a. die Madafat al-Radwan, ein traditionelles Gästehaus – alle Anwesenden wurden getötet. Zahlreiche Videos auf sozialen Medien zeigten brutale Szenen – u. a. das Abschneiden von Bärten älterer Männer wie der alte Mann Merhej Shaheen. Diese Praxis hatte eine zutiefst erniedrigende Wirkung: In der drusischen Tradition steht der Bart der Männer für Würde, religiöse Autorität und Ehre – sein gewaltsames Entfernen zielte somit bewusst auf die symbolische Entwürdigung und Demütigung der Gemeinschaft als Ganzes ab. Die Wut in der Bevölkerung in Swaida wuchs. Viele griffen zu den Waffen – darunter viele, die bis dahin neutral geblieben waren. Es kam zu Straßenkämpfen im Zentrum Swaidas. Scheich Al-Hajari der zuvor vor der Kooperation mit der Übergangsregierung gewarnt hatte, gewann stark an Einfluss.
Am 16. Juli 2025 griff das israelische Militär als Warnung das syrische Verteidigungsministerium in Damaskus an – nachdem schwere Waffen in den Süden gebracht worden waren. Die israelische Regierung inszenierte sich hier als Schutzmacht der Drusen in der Region. Gleichzeitig besetzt Israel seit 1967, die von syrischen Drusen bewohnten Golanhöhen. Nach dem Sturz des Assad- Regimes hat die israelische Regierung ihren Einflussbereich systematisch erweitert und weite Teile Syriens südlich von Damaskus unter ihre militärische Kontrolle gebracht. Der israelische Schlag folgte vor allen Dingen dem machtpolitischen Kalkül, die neu gewonnene Einflusssphäre abzusichern und eine militärische Eskalation zu verhindern. Zudem stand die israelische Regierung innenpolitisch unter Druck, insbesondere durch die drusische Minderheit im eigenen Land, die ein Eingreifen forderte.
Bereits am 17. Juli zogen sich die Regierungstruppen zurück. In einem symbolischen Akt verkündete die al-Julani-Gruppe, Swaida bleibt Teil Syriens, doch Sicherheit und Verwaltung werden eigenverantwortlich von der eigenen Bevölkerung getragen.
Trotz des Rückzugs blieb die Lage gefährlich. Teile der Beduinen, die zuvor an der Seite der Regierungstruppen gekämpft hatten, wurden aus mehreren Dörfern vertrieben; laut Beobachter*innen wurden einige von ihnen getötet. Auch unschuldige Beduinen, die nicht in die Kämpfe verwickelt waren, wurden zur Zielscheibe und mussten ihre Häuser verlassen. Bewaffnete sunnitische Clans1 kündigten daraufhin „Vergeltung“ an. Viele dieser Kämpfer versammelten sich auf der „Sahat al-Omaueen“ in Damaskus – und marschierten unter Duldung der Regierung nach Swaida. In dieser zweiten Angriffswelle wurden Dörfer niedergebrannt, Menschen getötet. Doch diesmal waren die Drusen besser vorbereitet und konnten viele Gebiete zurückerobern.
Laut Beobachter*innen und durch Videoaufnahmen dokumentiert, befanden sich unter den Reihen der sogenannten „Clans“ nicht nur bewaffnete Stammesangehörige, sondern auch Regierungssoldaten und Dschihadisten. Diese gezielte Mobilisierung – bei gleichzeitiger Forderung, die Drusen in Swaida zu entwaffnen – verstärkte in der Region den Verdacht, dass das Regime nicht auf allgemeine Entwaffnung abzielt, sondern auf die Ausschaltung politischer Gegner. Der Eindruck: Waffen sind nur dann erlaubt, wenn sie in den Händen von regimetreuen Milizen, Islamisten oder loyalen bewaffneten Gruppen liegen – nicht aber, wenn sie dem Schutz einer von der lokalen Bevölkerung selbstverwalteten und regimekritischen Region dienen.
Die Regierung in Damaskus bat schließlich um eine Waffenruhe. Dies offenbarte die eigentliche Strategie: Unter dem Vorwand der „Entwaffnung illegaler Milizen“ wollte man Swaida wieder unter Kontrolle bringen – indirekt, über fremde Clans.
Heute zählt Swaida über 1.200 registrierte Tote. Medizinische Versorgung und Nahrungsmittelhilfe stehen kurz vor dem Kollaps. Der neue Machthaber hat gezeigt, dass er nicht Präsident aller Syrer ist – sondern nur derjenigen, die ihm Loyalität schwören. In einem bunten, multireligiösen Land wie Syrien ist das fatal – und viele Sunniten lehnen diesen Kurs ebenfalls ab.
Syrien – und nicht nur die Drusen – braucht mehr Aufmerksamkeit von der EU und Deutschland.
Finanzielle Mittel für den Wiederaufbau Syriens dürfen nur unter klaren Bedingungen bereitgestellt werden. Die Einhaltung der Menschenrechte muss für alle gelten – insbesondere der Schutz von Minderheiten ist ein grundlegendes Prinzip jeder demokratischen Ordnung.
Eine unabhängige, internationale Untersuchungskommission zu Menschenrechtsverletzungen ist dringend erforderlich. Ebenso muss die internationale Presse freien Zugang nach Swaida erhalten, um die Lage vor Ort transparent zu dokumentieren. Der angekündigte demokratische Übergang darf nicht bei Worten stehen bleiben – er braucht einen konkreten Fahrplan, internationale Kontrolle, transparente Umsetzung und messbare Reformen: freie Wahlen, eine neue Verfassung, unabhängige Justiz, freie Medien und echte politische Teilhabe.
Doch Swaida braucht jetzt konkrete Hilfe:
- Zugang zu Trinkwasser
- Humanitäre Hilfsgüter, insbesondere Medikamente und Nahrungsmittel
- Aufhebung der Blockade durch das syrische Regime
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Ein Beitrag von Mamoon Aboassi
Anmerkungen
- Der Begriff „Clan“ wird im syrischen Kontext verwendet, um große familiäre oder stammesbasierte Gemeinschaften zu beschreiben – vor allem in ländlichen, oft marginalisierten Regionen ↩︎




