„Musik war schon immer das Herzstück unseres Widerstands“ – über die sahrauische Sängerin Mariem Hassan

„Ihre Musik wurde zu einem Symbol des Widerstands und der Hoffnung für uns alle.“ – die sahrauische Sängerin Mariem Hassan

Die Westsahara gilt als „letzte Kolonie Afrikas“ – seit fast 50 Jahren besetzt von Marokko, gestützt auch durch europäische Konzerne. Doch Widerstand wird seit Jahrzehnten geleistet: politisch, militärisch und kulturell. Mit dem Dokumentarfilm HAIYU erzählen sahrauische Filmschaffende die Geschichte der legendären Sängerin Mariem Hassan, die zur Stimme der Sahrauis wurde – und damit zugleich die Geschichte eines Volkes, das sich nicht zum Schweigen bringen lässt.

Wir sprachen mit Mohamedsalem Werad, dem Produzenten von HAIYU und Mitbegründer von Saharawi Voice, einem Kollektiv sahrauischer Filmemacher mit Sitz in den Geflüchtetencamps in Algerien.

etos.media: Können Sie die Produzent*innen von HAIYU vorstellen?

Mohamedsalem Werad: Saharawi Voice hat es sich zur Aufgabe gemacht, unsere Geschichte zu dokumentieren und unseren Stimmen Gehör zu verschaffen. Gemeinsam mit meinem Mitstreiter bei Saharawi Voice, Brahim Buhaia, sowie den schwedischen Regisseur*innen Alex Veitch und Anna Klara von der Produktionsfirma RåFILM haben wir den Dokumentarfilm über das Leben der Sängerin Mariem Hassan und den anhaltenden Kampf für eine freie Westsahara produziert. Der Titel HAIYU bedeutet auf Arabisch „ermutigen“ und steht für Mariems rebellischen Geist ebenso wie für den kollektiven Willen des sahrauischen Volkes, so lange Widerstand zu leisten, bis unsere Heimat befreit ist.

Der Film entstand über acht Jahre hinweg, da wir ohne Budget und von verschiedenen Orten aus arbeiteten – von den Geflüchtetencamps in Algerien bis nach Schweden und Spanien. Jeder Schritt, von der Sichtung der Archive bis zur Produktion, beruhte auf eigener Arbeit und gelegentlicher Unterstützung für Reisen oder Ausrüstung. Die Organisation Björkåfrihet übernahm beispielsweise die Kosten der Postproduktion und machte die Fertigstellung möglich. Saharawi Voice brachte Wissen über unsere Kultur, Geschichte und das Leben im Exil ein, während RåFILM jahrzehntelange Erfahrung mit gesellschafskritischen Filmen für ein internationales Publikum beisteuerte. So entstand ein Film, der aus der sahrauischen Perspektive erzählt wird und dennoch weltweit zugänglich bleibt.

Trailer des Films HAIYU

etos.media: Was war Ihre Motivation für die Produktion dieses Dokumentarfilms?

Mohamedsalem Werad: Wir wollten mit HAIYU vor allem die Geschichte von Mariem erzählen. Durch ihr Leben wird zugleich die Geschichte der letzten Kolonie Afrikas deutlich und jenen eine Stimme gegeben, die seit Jahrzehnten zum Schweigen gebracht werden. Wir wollen ihr Vermächtnis bewahren und die Realität des Konflikts zeigen. Ihre Musik wurde zu einem Symbol des Widerstands und der Hoffnung für uns alle. Mariem war mehr als nur eine Sängerin, sie war eine kulturelle Führungsfigur, deren Lieder die Gefühle und Hoffnungen eines ganzen Volkes tragen.

etos.media: Welche Rolle spielen Musik und Kunst im Befreiungskampf?

Mohamedsalem Werad: Eines unserer Sprichwörter lautet: „Kultur und Musik im Dienst der Befreiung.“ Für das sahrauische Volk war Kunst immer mehr als ein Ausdrucksmittel, sie war ein Überlebensinstrument. Unter kolonialer Herrschaft war der Zugang zu formaler Bildung stark eingeschränkt. Poesie, Gesang und Erzählkunst – von den langen epischen El-Hawl-Gedichten bis zu kurzen prägnanten Gesängen – wurden zu den wichtigsten Mitteln, um Geschichte und Werte weiterzugeben, und haben unser Erbe über Generationen bewahrt.

Musik war schon immer das Herzstück des Widerstands und wurde seit der marokkanischen Besatzung 1975 zu einer wichtigen Waffe im Kampf und einer Quelle moralischer Stärke. Revolutionäre Lieder wie „Sahara Ma Timba“ („Die Sahara ist nicht zu verkaufen“) vereinten unser Volk während des schmerzhaften Exodus nach Algerien. Mariems Musik trug politische Botschaften, stiftete Einheit und spendete Hoffnung. Nach dem Waffenstillstand 1991 blieb die Musik ein Motor für Aufstände und eine Verbindung zwischen Sahrauis in den Camps und in der Diaspora. Mariems Lieder wie „Rahy El Aaiún Egdat“ („El Aaiún brennt“) sind bis heute Zeugnisse ihres revolutionären künstlerischen Aktivismus. In den Camps, an der Front und in der Diaspora bleibt Kunst ein zentraler Bestandteil unseres Widerstands. Insbesondere die Musik ist eines unserer stärksten Werkzeuge im Kampf für die Freiheit.

etos.media: Wann und unter welchen Umständen wurde Mariem Hassan geboren?

Mohamedsalem Werad: Sie wurde in einer konfliktreichen Phase unserer Geschichte geboren, in einer Zeit der Kolonialherrschaft Spaniens und wachsender Widerständigkeit unseres Volkes. Sie kam in einer Atmosphäre der Unsicherheit und der Entbehrung zur Welt, die ihre Identität und Musik tief prägte. Hinzu kam die Situation des Exils, nachdem Marokko die Westsahara besetzte und die Fremdherrschaft fortführte. Schon in jungen Jahren erlebte sie den Schmerz der Vertreibung und entwickelte die Resilienz, die es braucht, um als Geflüchtete zu überleben. Diese Erfahrungen wurden zum emotionalen Kern ihrer Kunst und machten sie zu einer Stimme des Mutes und des Widerstands für Generationen von Sahrauis.

etos.media: Sie war für eine gewisse Zeit auch Mitglied von El Wali. Was können Sie über diese berühmte Band und ihre Bedeutung sagen?

Mohamedsalem Werad: El Wali war eine legendäre sahrauische Band, die sich inmitten unseres Unabhängigkeitskampfes gründete. Ihre Musik ist kompromisslos politisch und gibt unserem Widerstand Rhythmus und Melodie. Mariems Zeit bei El Wali half ihr, zu der kraftvollen kulturellen Figur zu werden, die sie später war. Die Band schlug eine Brücke zwischen traditioneller sahrauischer Musik und modernen Klängen, wodurch die Botschaft unseres Kampfes für jüngere Generationen und ein internationales Publikum zugänglicher wurde. Ihre Lieder sind eine Erklärung an die Welt, dass unser Volk nicht ausgelöscht werden wird.

etos.media: Sahrauische Musik klingt sehr besonders. Welche Instrumente sind typisch, und welche Einflüsse haben ihren Stil geprägt?

Mohamedsalem Werad: Unsere Musik stützt sich vor allem auf traditionelle Instrumente wie Tidinit, eine viersaitige Laute, und Tbal, eine Trommel, die mit den Händen gespielt wird. Oft werden sie von rhythmischem Klatschen und mehrstimmigem Gesang begleitet. Manchmal kommen auch E-Gitarren und Keyboards hinzu, wodurch eine Mischung aus traditionellen Wüstenklängen und besagter moderner Klangästhetik entsteht. Unsere Musik vereint Einflüsse aus arabischen, berberischen und westafrikanischen Traditionen, doch ihre Seele ist unverkennbar sahrauisch. Die tiefen, gleichmäßigen Rhythmen erinnern an den Schritt der Kamele in der Wüste, während die Melodien Schmerz, Stolz und die Widerstandskraft unseres Volkes tragen.

„Die tiefen, gleichmäßigen Rhythmen erinnern an den Schritt der Kamele in der Wüste, während die Melodien Schmerz, Stolz und die Widerstandskraft unseres Volkes tragen.“ – Mohamedsalem Werad

etos.media: Im Film sind verschiedene Konzerte vor großem Publikum zu sehen. Was bedeutete Mariem Hassans Popularität für die Bewegung?

Mohamedsalem Werad: Mariems Musik überschritt Grenzen, Sprachen und Kulturen. Sie trat in vielen europäischen Städten auf, darunter Barcelona, Brüssel, Helsinki, Zürich und Leipzig. Auf internationalen Festivals wie der Reihe World of Music, Arts and Dance (WOMAD) wurde sie zu einer festen Größe und präsentierte ihre Lieder auch bei der größten Weltmusikmesse, der Worldwide Music Expo (WOMEX), die sich musikalischen Traditionen aus aller Welt widmet. Ich erinnere mich, dass sie zudem in Venezuela während einer sahrauischen Kulturwoche auftrat und ihre Musik später nach Senegal zum Festival du Sahel brachte. Sogar bis nach Australien und Neuseeland führte sie ihre Reise. Dabei brachte sie nicht nur unsere Kultur auf die Bühne, sondern sprach auch offen über die Besatzung und das Recht auf Selbstbestimmung.

So wurde sie zu einer inoffiziellen Botschafterin unserer Sache und eröffnete Diskussionen an Orten, an denen der Konflikt in der Westsahara zuvor kaum Beachtung fand. Ihre Stimme vereinte die Schönheit unseres kulturellen Erbes mit der Dringlichkeit unserer politischen Realität. Sie war ohne Zweifel eines der wichtigsten Sprachrohre unseres Kampfes mit internationaler Reichweite.

etos.media: In einer der letzten Szenen des Films betritt Mariem eine Konzertbühne unter freiem Himmel in einem Geflüchtetencamp. Sind öffentliche Konzerte ein fester Bestandteil des Lebens dort?

Mohamedsalem Werad: Die Szene, die du erwähnst, stammt tatsächlich von ihrem letzten Konzert in dem Camp Dakhla, während der Abschlusszeremonie des FiSahara-Filmfestivals – ein perfektes Beispiel dafür, wie Kunst und Kultur bis heute das Herzstück unseres kollektiven Lebens bilden. Für uns ist das mehr als Unterhaltung: Es ist politische Gegenwehr und zugleich ein Akt der Bewahrung unserer Kultur, die durch Krieg und Besatzung bedroht ist.

Oft werden Konzerte zu den Jahrestagen nationaler Ereignisse organisiert: am 27. Februar, dem Tag der Proklamation der Demokratischen Arabischen Republik Sahara (DARS) oder am 10. Mai, dem Gründungstag der Polisario. Tagsüber gibt es Paraden, Sportveranstaltungen und kulturelle Wettbewerbe. Abends verwandelt sich die Atmosphäre: Es folgen Musikkonzerte, Theaterstücke, Poesielesungen und andere Aufführungen.

Diese Feiern sind Momente der Einheit. Sie stärken den Gemeinschaftssinn, erinnern uns an unser kollektives Erbe und schenken Freude trotz der harten Lebensumstände. Zugleich helfen sie der Jugend, mit ihren Wurzeln verbunden zu bleiben, und vermitteln selbst den im Exil Geborenen die Traditionen ihrer Heimat.

etos.media: Wie können Interessierte Kontakt zu Ihnen aufnehmen und Vorführungen in ihren Städten organisieren?

Mohamedsalem Werad: Wer Vorführungen organisieren oder mehr über HAIYU erfahren möchte, kann uns über die Social-Media-Kanäle von Saharawi Voice erreichen. Wir freuen uns über die Zusammenarbeit mit Filmfestivals, Kulturorganisationen, Universitäten und Solidaritätsgruppen, um diese einzigartige Geschichte möglichst vielen Menschen nahezubringen.

Das Interview wurde geführt von Ben Francke.

Wenn ihr den Dokumentarfilm HAIYU öffentlich screenen wollt, können wir euch gerne Kontakt zu Sahrauis in Deutschland herstellen und euch bei der Organisation des Events unterstützen.

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