Die Ambivalenz der Sicherheit im Fußball

(Bild: Omar Ramadan)

„Welcher vernünftige Vater geht denn heute noch mit seinen Kindern in die Stehkurve?” Diese Worte fand Erich Ribbeck, Fußballtrainer und Spieler, in der Bild am Sonntag nach dem tragischen Mord an Adrian Maleika. Der 16-jährige Bremenfan geriet 1982 in einer Auseinandersetzung zwischen rechtsextremen Hamburger Hooligans und Bremern zwischen die Fronten und erlag seinen Verletzungen. Ein wertvolles junges Leben wurde beendet und das augenscheinlich im Namen des Fußballs. Ein Tod wider jeder Rationalität. Auch damals war jedem vernunftorientierten Fußballfan eigentlich klar: Bei Gewalt hört der Hass auf den Rivalen auf. Der verantwortliche Steinewerfer, des von Neonazis unterwanderten Schlägertrupps der Hamburger Löwen, konnte nie genau ermittelt werden. Der traurige Tod Maleikas schlug damals große Wellen und brachte die Verantwortlichen von Vereinen, Verbänden und Polizei auf den Plan. Eine strikte Trennung der Fanlager und flächendeckende Videoüberwachung am und im Stadion waren die Folge.

Ab den Zweitausendern geriet die englische Hooligankultur in den Kurven hierzulande zunehmend in den Hintergrund. Die italienischstämmige Ultrà-Kultur dominierte mit ihren Fangruppierungen die deutschen Stadien und sorgte mit ihren aufwändigen Choreografien und dem Dauersupport für das außergewöhnliche Stadionerlebnis, was wir heute kennen.

Die ausschließlich erlebnisorientierten Hools verloren damit signifikant an medialer und fußballerischer Präsenz. Ihre ausschweifenden Gewaltexzesse gegen Rivalen verlagerten sich vom Stadion auf den Acker. Es hieß also freie Bahn für die Ultrà-Subkultur. Sie präsentieren sich schlicht, uniform und sportlich gekleidet. Es geht um geschlossenes Auftreten und konstanten Support der Mannschaft. Auch Pyroshows und Fahnenmeere locken wöchentlich Hunderttausende in die deutschen Spielstätten.

Die neue Szene zeichnet sich einerseits durch ihr, von der politischen Ausrichtung der Fanlager unabhängiges, soziales Engagement aus. Desweiteren entstanden mit den Fanszenen von allen voran St. Pauli, Chemie Leipzig, Babelsberg, Bayern München und Werder Bremen klassenbewusste organisierte Gruppen, die ihre Ressourcen regelmäßig für wohltätige Zwecke aufbringen und mit Bannern, Tifos und Stellungnahmen als Sprachrohr gegen Rechts fungieren.

Andererseits jedoch eilt auch dem Begriff Ultrà ein gewaltsamer Ruf voraus. Das Spektrum an Tätigkeiten ist zwar sehr viel breitgefächerter als das stumpfe, hochgradig irrationale Einschlagen auf gegnerische Fans oder Unbeteiligte des Hooliganismus, aber sie ganz von Gewalt freizusprechen wäre auch falsch. Regelmäßig überfallen Ultràs andere Fangruppierungen, um gegnerisches mitgebrachtes Material, wie Doppelhalter oder Fahnen, zu erbeuten. An Aufmerksamkeit gewinnen diese Aktionen oft durch das anschließende Verbrennen der geklauten Utensilien zur Provokation im Stadion. Dieses in vielen Augen kindische Katz-und-Maus-Spiel hat den Vorteil, dass kaum Unbeteiligte zu Schaden kommen. Die Geschehnisse spielen sich weitestgehend auf dem Weg zum oder vor dem Stadion oder auf dem Heimweg ab.

Durch gemeinsame Aktivitäten von Hools und Ultràs, bei solchen Überfällen, verschwimmen aber die Grenzen dazwischen. Intern fährt man dabei meist beiderseits eine Tolerierungspolitik. Selten gibt es im Stadion strikte räumliche Trennungen von Ultràs und Hooligangruppierungen, wie in Mainz zum Beispiel. Dort distanziert sich die führende offen antirassistische Fangruppe des Q-Blocks klar von der Schlägertruppe mit nationalen Tendenzen dem „Schlechten Umgang“. Da solche Einzelfälle in den Medien stark unterrepräsentiert sind, werden diese bei Fehltritten von den immer gleichen Negativschlagzeilen dominiert. Ein Narrativ von kollektiv gewalttätigen Fußballfangruppen wird medial wiederbelebt, wenn zum Beispiel Dutzende Hamburger auf unbeteiligte Kölner einhauen oder wenn wie kürzlich Pyrofackeln in Dresden die Blöcke wechseln. Und das auch noch nach einer breit angelegten Protestwelle.

„Der Fußball ist sicher!“

Unter diesem Motto gingen die Fanszenen Deutschlands als Kollektiv im November letzten Jahres in Leipzig vor dem Hintergrund einer kommenden Innenministerkonferenz (IMK) auf die Straße. Man setzte ein starkes Zeichen: Zusammen gegen die Stigmatisierung des Volkssports mit „Gewaltproblem“, wie es Hamburgs Innenminister Andy Grote propagiert. Circa 8000 Vertreter von Dutzenden Vereinen der teilweise streng verfeindeten Ultrà-Szenen fanden ihren gemeinsamen Nenner im Erhalt der Fankultur, wie wir sie kennen. Es standen immerhin große Forderungen im Raum. Eine zentrale Stadionverbotskommission und personalisierte Tickets inklusive ausgebauter Videoüberwachung würden die Persönlichkeitsrechte eines jeden Stadionbesuchers beschneiden. Das galt es zu verhindern. Nach Wochen voller Spieltage mit zwölfminütigen Stimmungsboykotten und der zentralen Demo war es dann so weit, die IMK stand an. Sie lief überraschend ruhig ab. Die rumorten Themen blieben weitestgehend aus. Wahrscheinlich auch wegen der Proteste, was die meisten beteiligten Minister natürlich verneinten.

In Wahrheit lag der Fokus mehr auf einer finanziellen Beteiligung der Klubs an den polizeilichen Einsatzkosten. Zwar gilt der Konsens, dass die Länder normale Polizeieinsätze im Rahmen der Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit übernehmen, doch es scheiden sich die Geister, ob selbiges auch für Hochsicherheitsspiele gelten soll. Dort genießt der Fußball nämlich eine Art Sonderstellung. Keine andere Großveranstaltung wird so regelmäßig von Hundertschaften zusätzlicher Polizeikräfte begleitet. Klar, dass die Länder beim Gürtel-enger-schnallen genau das nicht länger tolerieren wollen. Diese Extrakosten in Millionenhöhe sollen an die Deutsche Fußball Liga abgewälzt werden. Die verweist wiederum auf ihre Vereine. Sollte man damit erfolgreich sein, würden die Klubs die Kosten natürlich an die Stadionbesucher weitergeben. Das sickerte die letzten Wochen zumindest durch. Auf den ersten Blick klingt das Vorhaben für alle Seiten fair. Der Fußball bleibt durch zusätzliche Einsatzkräfte auch bei hitzigen Duellen sicher und zahlt eben die Mehrkosten dessen. Was die IMK dabei aber komplett außer Acht lässt, sind ihre eigenen Zahlen. Denn laut ZIS-Bericht sind die Verletztenzahlen seit Jahren konstant rückläufig. Zuletzt sanken sie im Vergleich mit der Saison 23/24 um rund 20 Prozent. Statt daraus zu schließen, dass weniger Polizeipräsenz notwendig sein könnte, setzt man weiter auf puren Populismus, um länderinterne Kapitalinteressen zu verteidigen.

Der Weg zum Kompromiss

Zum einen sollten gängige polizeiliche Einsatztaktiken sowie das Ausmaß der Präsenz grundsätzlich überdacht werden. Im Zuge der IMK kam es in mehreren Stadien Deutschlands zu repressiven Ausschreitungen der Polizei im Umgang mit den Fans. Beim Heimspiel von Hertha BSC gegen Schalke 04 reichte der Berliner Polizei zum Beispiel schon das kollektive Anlegen von Schlauchschals, ein im Rahmen der Fußballkultur gängiges Prozedere, um Einheit zu demonstrieren und sich vor repressiven Maßnahmen wegen Pyrotechnik zu schützen, um die Masse an sich zu bedrängen und anzugreifen. Diese Szenen waren, provoziert oder nicht, natürlich Wasser auf die Mühlen der Innenministerien.

Genauso wie die Geschehnisse, die von den Fangruppierungen initiiert werden. Intern müssen beim Abfackeln von ganzen Räumen, wie neulich im Nordderby, klare Grenzen gesetzt werden. Je mehr solcher Bilder produziert werden, desto mehr Argumentationsgrundlage für repressive Maßnahmen gibt man der IMK.

Nur wenn man die solidarische Gemeinschaft, die man in Leipzig zelebrierte, wirklich einhält, kann man sich für die nächste IMK gerüstet nennen.

Dieser Autor schreibt für etos.media.

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