Zwischen Frontlinien und Autonomie: Eindrücke aus Rojava und der Kampf um Selbstverwaltung

Besuch des Krankenhaus - Rojava

Als Anfang des Jahres 2026 die neue Offensive gegen Rojava begann, schien für viele klar: Dies könnte das Ende eines der radikalsten politischen Experimente unserer Zeit bedeuten. Die demokratische Selbstverwaltung Nordostsyriens, aufgebaut unter den Bedingungen von Krieg, Embargo und permanenter Bedrohung, steht erneut zur Disposition. Inmitten dieser Situation reiste, Lara Prölß, Linkenpolitikerin aus München, als Teil einer kleinen humanitären Delegation in die Region, um sich selbst ein Bild zu machen.

Schon die Anreise führte uns mitten in die Widersprüche der globalen Ordnung. Während ein Teil der Delegation in Erbil Nordirak auf die Weiterreise wartete, griffen die USA und Israel den Iran völkerrechtswidrig an. Raketen schlugen in der Nähe des Flughafens von Erbil ein, Rauch stieg am Horizont auf und doch ging das Leben weiter. Diese Gleichzeitigkeit von Krieg und Alltag sollte mich während der gesamten Reise begleiten. Aufgrund des US amerikanischen Angriffskrieg wurde der Luftraum gesperrt und ich war gezwungen über den türkischen Landweg in einer Nacht und Nebel Aktion alleine den Nordirak zu erreichen. Dank spontaner Unterstützung und Herbergen gelang mir das überraschenderweise gut.

Am Grenzübergang vom Irak nach Syrien stieß ich zur restlichen Delegation dazu. Nach der Überquerung des Tigris erreichten wir schließlich Rojava. Die Landschaft wirkte weit und ruhig, fast trügerisch angesichts der politischen Lage. Entlang der Straßen reihten sich alte Ölförderanlagen, eine der wenigen ökonomischen Ressourcen der Region.

Alltag unter Druck und kollektive Organisation

Unser erster Halt war eine mobile Klinik, betrieben von der Stiftung der Freien Frauen Syriens. In einem umgebauten LKW werden hier Geflüchtete medizinisch und psychosozial versorgt. Die Schlange war lang, die Situation chaotisch und doch getragen von einer bemerkenswerten Form kollektiver Organisation. In den Schulen, die wir später besuchten, hatten geflüchtete Familien aus Aleppo Zuflucht gefunden. Klassenzimmer wurden zu Notunterkünften, getrennt durch dünne Plastikvorhänge. Die Dimension der Vertreibung ist enorm: Zehntausende Menschen sind auf der Flucht. Bei Gesprächen mit Vertreter*innen der lokalen Selbstverwaltung wurde deutlich, wie zentral die Versorgung dieser Geflüchteten aktuell ist und wie sehr die Region auf sich allein gestellt bleibt. Gleichzeitig begegnete uns immer wieder ein starkes Bedürfnis, gehört zu werden. Nicht als Opfer, sondern als politisches Projekt.

Besonders eindrücklich waren die Gespräche mit Frauenorganisationen. Die Stiftung der Freien Frauen Syriens berichtete von der systematischen Zerstörung ihrer Arbeit in den von islamistischen Kräften kontrollierten Gebieten. Frauenhäuser wurden geplündert, Strukturen zerschlagen, reaktionäre Geschlechterordnungen gewaltsam durchgesetzt. Hier zeigt sich eine zentrale Dimension dieses Konflikts: Es geht nicht nur um territoriale Kontrolle, sondern um gesellschaftliche Modelle.

Politisches Projekt unter massivem Druck

Das politische System in Rojava basiert auf Prinzipien, die in Westasien und weit darüber hinaus singulär sind: basisdemokratische Räte, ethnisch religiöser Pluralismus und insbesondere das Ko Vorsitzenden System, in dem jede politische Position gleichberechtigt von einer Frau und einem Mann besetzt wird. Diese Struktur ist kein symbolisches Element, sondern Ausdruck eines radikalen Anspruchs auf gesellschaftliche Transformation. Genau diese Errungenschaften stehen nun im Zentrum der Verhandlungen mit der syrischen Übergangsregierung. Unter dem Schlagwort der Integration wird versucht, die Selbstverwaltung in einen zentralstaatlichen Rahmen einzugliedern.

Für die Vertreter*innen der Selbstverwaltung sind mehrere Punkte nicht verhandelbar. Dazu gehört erstens der Erhalt des Ko Vorsitzenden Systems als Kern feministischer Machtteilung. Zweitens das Fortbestehen der autonomen Verwaltungsstrukturen anstelle zentralstaatlicher Kontrolle. Drittens eigenständige Sicherheitskräfte SDF YPJ YPG, um die Bevölkerung zu schützen. Und viertens die Anerkennung der multiethnischen Ordnung gegen nationalistisch zentralistische Homogenisierung.

Diese Forderungen stehen in direktem Widerspruch zu den Interessen der Übergangsregierung und ihrer internationalen Unterstützer. Denn die Integration Rojavas bedeutet nicht einfach institutionelle Angleichung, sie bedeutet potenziell die Auflösung eines alternativen Gesellschaftsmodells.

In Gesprächen mit politischen Akteurinnen vor Ort wurde die Ambivalenz dieser Situation greifbar. Einerseits besteht die Notwendigkeit, überhaupt Verhandlungen zu führen, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Andererseits ist das Vertrauen gering. Zu tief sitzen die Erfahrungen von Gewalt, Verrat und ideologischer Feindschaft. Eine Kommandantin der Frauenverteidigungseinheiten brachte es auf den Punkt: Der Verhandlungstisch sei schwieriger auszuhalten als das Schlachtfeld.

Diplomatie am Scheidepunkt

Aus einer kritischen, materialistischen Perspektive wird deutlich: Der Konflikt um Rojava ist kein isolierter regionaler Konflikt, sondern Ausdruck globaler Machtverhältnisse. Unterschiedliche imperiale Akteure, von der Türkei über die USA bis hin zu regionalen Mächten, verfolgen eigene Interessen in der Region. Ethnische Spannungen werden dabei nicht selten instrumentalisiert oder verstärkt, um Einflusszonen zu sichern. Doch die Reduktion dieses Konflikts auf ethnische Gegensätze greift zu kurz. Sie verschleiert den eigentlichen Kern: den Angriff auf ein Projekt, das sich bewusst gegen Nationalstaatlichkeit, patriarchale Ordnung und kapitalistische Verwertungslogiken stellt. Rojava ist, bei allen Widersprüchen und Grenzen, ein Versuch, eine andere Form gesellschaftlicher Organisation zu entwickeln: dezentral, basisdemokratisch, feministisch. Gerade deshalb steht es unter massivem Druck. Denn seine bloße Existenz stellt eine Herausforderung für bestehende Machtordnungen dar.

Die aktuelle Phase der Verhandlungen ist daher mehr als ein diplomatischer Prozess. Sie ist ein politischer Entscheidungspunkt: Wird es gelingen, zentrale Errungenschaften der Selbstverwaltung zu verteidigen oder werden sie schrittweise in einen autoritären Staatsapparat integriert und damit entleert?

Die Eindrücke meiner Reise lassen keine einfachen Antworten zu. Sie zeigen eine Gesellschaft, die unter enormem Druck steht und zugleich eine bemerkenswerte Entschlossenheit, ihre Errungenschaften nicht kampflos aufzugeben. Ende März wird die deutsche Bundesregierung den islamistischen, syrischen Übergangspräsidenten Yolani so sein alter IS Name empfangen, um über die Rückführung von syrischen und kurdischen Geflüchteten zu verhandeln. Das Händeschütteln mit einem ehemaligen IS Kämpfer ist ein Schlag ins Gesicht für die Befreiungsbewegung in Rojava. Am Ende bleibt die zentrale Frage: Geht es hier wirklich um Sicherheit, Stabilität und Frieden oder um die Zerschlagung eines politischen Experiments, das den herrschenden Verhältnissen zu gefährlich geworden ist?

Dieser Autor schreibt für etos.media.

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