Interview: „Wenn wir es in New York schaffen, können wir es überall schaffen“

Der neue Bürgermeister von New York City, Zohran Mamdani, beim Besuch von Madame Tussauds. (kleiner Scherz der Redaktion... Dieses Bild wurde vom Präsidenten der USA auf truthsocial.com veröffentlicht - Quelle: White House, Public domain)

Ulrike Eifler im Gespräch mit den Gewerkschafterinnen Lala Peñaranda und Irene Hongping Shen über den inspirierenden Wahlsieg von Zohran Mamdani.

Am 4. November wurde bei der Wahl um das Bürgermeisteramt in New York City der Kandidat der Demokratischen Sozialisten, Zohran Mamdani, mit 50,4 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister von New York City gewählt. etos.media sprach mit Lala Peñaranda und Irene Hongping Shen, zwei jungen Gewerkschaftsorganizerinnen aus New York City, die die Wahlkampagne von Mamdani unterstützt hatten, über die Gründe für den inspirierenden Wahlsieg des Sozialisten in Zeiten eines zunehmenden Autoritarismus. Lala stammt aus Kolumbien. Sie bezeichnet sich selbst als sozialistische Feministin und ist Mitglied der Democratic Socialists of America (NYC-DSA). Sie arbeitet beim Netzwerk Trade Unions for Energy Democracy (TUED) und ist dort Koordinatorin für Lateinamerika. Irene ist „im Herzen feministische Organizerin“. Sie arbeitet ebenfalls bei TUED und koordiniert dort das Frauenprojekt. Beide sind Mitglied der Gewerkschaft PSC-CUNY, der Gewerkschaft der Kongressmitarbeiter. Sie leben in New York City.

Dies ist die gekürzte Version eines Interviews von etos.media-Redakteurin Ulrike Eifler mit Lala Peñaranda und Irene Hongping Shen. Das Video des Interviews wird am 21..01.2026 auf dem YouTube-Channel von etos.media veröffentlicht.

etos.media: Vor einigen Wochen wurde der Sozialist Zohran Mamdani zum Bürgermeister von New York City gewählt. Wie überraschend war das Ergebnis für euch?

Lala: Naja, wir hatten schon mit einem Sieg gerechnet, die Frage war nur mit welchem ​​Vorsprung. Unser Ziel war es, über 50 Prozent der Stimmen zu erhalten. Und das haben wir geschafft, wenn auch knapp. Die Umfragen sahen Zohran bei 46 Prozent. Dass wir dann noch über vier Prozentpunkte zugelegt haben, lag vor allem daran, dass wir Wähler, die in den Vorwahlen noch für Andrew Cuomo gestimmt hatten, von Zohran Mamdani überzeugen konnten. Das war möglich, weil wir den Menschen beim Haustürwahlkampf gesagt hatten, dass wir ein starkes Mandat der Bevölkerung brauchen. Ein Mandat, das ihm von Anfang an die nötige Unterstützung für seine ambitionierte politische Agenda gibt. So kam es, dass wir bei der höchsten Wahlbeteiligung in der Geschichte von New York City über eine Million Stimmen erhielten.

Irene: Ich bin kein Mitglied der DSA und hatte daher keinen internen Blick in die Kampagne. Aber ich sehe es ähnlich wie Lala. Als wir im Februar mit dem Haustürwahlkampf begannen, dachte noch niemand an die Bürgermeisterwahl. Und noch niemand hatte irgendetwas von Zohran gehört. Es war also einigermaßen aussichtslos, doch wir gingen das trotzdem an. Das politische Klima ließ uns keine andere Wahl. Trump war bereits im Amt, und alles war ein einziges Chaos. Auch ich persönlich hatte das Gefühl, ich müsste etwas tun. Was mich wirklich beeindruckte, war die Veränderung, die sich seit den ersten Haustürbesuchen im vergangenen Februar vollzogen hatte. Kurz vor der Wahl kannten ihn wirklich viel mehr Menschen. Und viele waren begeistert. Ich konnte es kaum glauben. Ich hatte nicht mit einem derartigen Wandel in so kurzer Zeit gerechnet. Das war alles ziemlich aufregend.

etos.media: Das klingt wirklich spannend und nach einer Aufbruchstimmung in New York City. Könntet ihr etwas genauer erklären, wer für Mamdani gestimmt hat?

Irene: Im wesentlichen Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Außerdem stimmten die Menschen aller ethnischen Minderheiten mehrheitlich für Mamdani, 57 Prozent der Hispanics und 61 Prozent der schwarzen Einwohner, während die weißen ihre Stimme überwiegend Cuomo gaben. Bei den Vorwahlen beschäftigte uns die Frage, ob die schwarzen Wähler für Mamdani oder für Cuomo stimmen würden, sehr. Und gerade zum Kampagnenbeginn hatte ich den Eindruck, dass die ältere schwarze Bevölkerung eher Cuomo unterstützte. Er war Demokrat. Er war Gouverneur. Er war bekannt. Doch das änderte sich irgendwann schlagartig.

Lala: Wenn man sich die regionalen Ergebnisse ansieht, hat Mamdani in vier der fünf Stadtbezirke gewonnen. Sein bestes Ergebnis mit 57 Prozent erzielte er in Brooklyn und dort vor allem im sogenannten „Kommunistenkorridor“ – einem relativ großen Gebiet, in dem viele junge Menschen leben, die sich als Antikapitalisten verstehen. Auch in der Bronx und in Manhattan kam er auf über 50 Prozent. Lediglich auf Staten Island verlor er gegen Cuomo und das auch nur knapp.

Dass mit Mamdani und Cuomo zwei Demokraten gegeneinander antraten, zeigte, dass es bei dieser Wahl auch um die Seele der Demokratischen Partei ging. Mamdani erhielt 60 Prozent der Stimmen, die bei der Präsidentschaftswahl 2024 noch an Kamala Harris gegangen waren, nur 36 Prozent gingen an Cuomo. Das verdeutlicht die Spaltung der Demokratischen Partei zwischen eher progressiven, linken Wählern und den gemäßigten Wählern des Establishments. Betrachtet man die Altersstruktur, wird deutlich, dass die Zukunft der Demokraten progressiv ist. Viele junge Sozialistinnen wie ich sind von den Demokraten enttäuscht. Sie sind nur eine weitere kapitalistische Partei, die lediglich andere Geldgeber als die Republikaner haben. Wir aber wollen eine Arbeiterpartei und eine grundsätzlich andere Politik. 62 Prozent der Stimmen kamen von den über 30-Jährigen und über 50 Prozent von den 30- bis 44-Jährigen. Das war also auch eine Generationenwahl, und sie verheißt Gutes für die Zukunft New Yorks.

etos.media: Kommen wir vielleicht zu den sozialen Gründen für Mamdanis Sieg. Für uns in Europa ist New York das Herz des Kapitalismus. Wenn ein Sozialist hier die Wahl gewinnt, dann deutet das auf ernste soziale Probleme hin. Wie geht es der Arbeiterklasse in New York City?

Lala: Die Arbeiterklasse wird durch die Lebenshaltungskostenkrise aus der Stadt verdrängt. Diese Krise ist überall zu beobachten, ebenso wie die Krise der psychischen Gesundheit oder die des Gesundheitssystems ganz generell. Wir sehen diese Krisen abseits der offiziellen Statistiken jeden Tag auf den U-Bahnsteigen und in den Straßen. Es gibt in New York Menschen, die zu zehnt in einem Zimmer leben oder deren Wohnungen durch provisorische Wände unterteilt sind, was mit großen Brandgefahren verbunden ist. Inzwischen ist die Armutsquote in New York fast doppelt so hoch wie im nationalen Durchschnitt. Und sie ist in den letzten zwei Jahren sogar noch um sieben Prozent gestiegen. Hauptursache sind die Wohnungsnot und die steigenden Wohnkosten. Viele, die unterhalb der Armutsgrenze leben, sind entweder erwerbstätig oder auf Jobsuche. Sie sind obdachlos und auf Lebensmittelmarken angewiesen, obwohl sie einen, zwei oder mehr Jobs haben. Eine Entwicklung, die inzwischen auch junge Menschen erreicht hat. Im letzten Jahr waren zum zehnten Mal in Folge über 100.000 Schüler in New York City von Obdachlosigkeit betroffen. Und zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen überstieg diese Zahl die 150.000. Jedes siebte Kind, das eine öffentliche Schule in New York besucht, ist obdachlos. Nicht zufällig also wurde die Gouverneurin Kathy Hochul auf den Zohran-Kundgebungen während des Wahlkampfes immer wieder mit lauten „Besteuert die Reichen!“-Rufen empfangen.

Die junge Generation, zu der auch ich gehöre und die mehrheitlich Zohran wählte, wurde während der Occupy-Wall-Street-Bewegung politisiert. Diese Bewegung sah die Ungleichheit als Hauptursache für die strukturelle Gewalt in der US-amerikanischen Gesellschaft. Auf die Occupy-Bewegung folgten die Wahlkampagnen von Bernie Sanders 2016 und 2020, die Pandemie, die Black-Lives-Matter-Proteste und der Palästina-Konflikt. Zohran kommt aus diesen Bewegungen. Er ist in meinem Alter. Er ist in New York City aufgewachsen, und hat all diese wichtigen Ereignisse miterlebt, die einerseits auf Ungleichheit hinwiesen und andererseits Lösungen einforderten. Ich denke, dass Zohrans Fokus auf bezahlbaren Wohnraum vor allem aus diesen Erfahrungen resultiert.

etos.media: Könnten ihr uns mehr über die Schwerpunkte und Themen der Wahlkampagne erzählen?

Irene: Zohran hatte vier Hauptpfeiler, die alle sehr strategisch darauf ausgerichtet waren, das Problem der Ungleichheit anzugehen. Der erste betraf das Thema Wohnen. In den letzten 15 bis 20 Jahren wurden für den Bau von Luxus-Hochhäusern viele Wohnviertel abgerissen und die dort lebenden Menschen verdrängt. Ein anhaltender Trend der Gentrifizierung, den auch der als progressiver Bürgermeister bekannte Bill de Blasio ab 2014 mitmachte. Alle setzten große Hoffnungen in ihn. Doch er ließ Bebauungspläne beschließen, auf deren Grundlage immer weiter gebaut wurde. Die Gebäude standen dann aber leer. Es gab viel Gegenarbeit, wir nannten sie Anti-Verdrängungsarbeit. Sie war für uns eine originäre Klassenfrage, weil man dort wohnen können sollte, wo man auch arbeitet. Ich denke, das Thema bezahlbarer Wohnraum hat die Superreichen in New York, die mit Immobilienprojekten und Wohnungsbau Geld verdienen, verunsichert. Und es war ein Problem, das im Wahlkampf in zahlreichen Gesprächen mit den Bürgern immer wieder zur Sprache kam.

Ein weiteres zentrales Wahlkampfthema war die flächendeckende Kinderbetreuung. Immer mehr Berufstätige müssen sich zwischen Arbeit und Familie entscheiden, weil es keine bezahlbare Kinderbetreuung gibt. Hinzu kam das öffentliche Transportsystem – die Einführung kostenloser und schnellerer Busse. Damit wurde einerseits die Verbindung zum Klimaschutz hergestellt. Andererseits ist es eine soziale Frage, wenn man pünktlich zur Arbeit kommen muss und die Busse nicht zuverlässig fahren. Bereits 2024 hatte Mamdani als sozialistischer Abgeordneter im Stadtparlament das erste New Yorker Pilotprojekt für kostenlose Busfahrten auf zwei Linien durchgesetzt. Das war sehr erfolgreich, denn es trug tatsächlich dazu bei, dass mehr Menschen öffentliche Verkehrsmittel nutzten. Was für eine geniale Idee! Schließlich war da noch die Frage von erschwinglichen Supermärkten, denn die steigenden Lebensmittelpreise treffen alle. Mamdani sprach davon, diese Supermärkte auf öffentlichem Grund zu bauen und die Lebensmittel über öffentliche Beschaffung zu beziehen, um die Kosten zu senken und Zwischenhändler auszuschalten. Das hat die Menschen angesprochen. Millionen von New Yorkern sind von diesen Problemen betroffen und ein Bürgermeister ist hier klar in der Verantwortung. Selbst wenn man sich nicht täglich politisch engagiert, versteht man, dass durch diese Themensetzung Millionen von New Yorkern von kostenlosen öffentlichen Dienstleistungen profitieren könnten. Diese Themensetzung hilft uns, Menschen dafür zu gewinnen, sich sozialistischen Ideen anzuschließen und damit anderen Ideen als jenen, die ihnen sonst angeboten wurden.

„Zohran hat gezeigt, dass man Stimmen gewinnen kann, ohne jemanden zu opfern – auch nicht die Palästinenser.“

etos.media: Was hat Mamdani anders gemacht als seine Konkurrenten?

Lala: Der Nominierungsprozess der New Yorker DSA ist extrem aufwendig, aber sehr gründlich. Es gibt eine Wahlkampfgruppe. Und der erste Schritt besteht darin, Kandidaten zu finden, die New York City repräsentieren. Zum Beispiel farbige Arbeiter, die ihre Viertel repräsentieren und die Kämpfe der Arbeiterklasse verstehen. Anschließend entscheidet eine Arbeitsgruppe, wer von ihnen in die engere Auswahl kommt. Ein wichtiger Teil des Prozesses ist der Kandidatenfragebogen. Auch Zohran musste ihn ausfüllen. Wie würdest du auf diese Krise reagieren? Was denkst du über Polizeiarbeit, Einwanderung und die Besteuerung der Reichen? Und vieles andere mehr. Die Kandidaten beantworten die Fragen. Es gibt ein Formular, das stadtweit gilt und an dem nur DSA-Mitglieder teilnehmen können, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen. So muss man sich beispielweise an Wahlkampfaktionen beteiligt haben. Zohran hat gezeigt, dass man Stimmen gewinnen kann, ohne jemanden zu opfern – auch nicht die Palästinenser. Das war einer der Punkte, in denen er sich im Wahlkampf von seinen Mitbewerbern unterschied.

Und das ist vielleicht auch der Grund, weshalb er sich vom ersten Tag seiner Amtszeit auf das Thema Wohnen konzentrierte. So ernannte er die langjährige Mietenaktivistin Cia Weaver zur Leiterin des Büros des Bürgermeisters zum Schutz der Mieter. In seiner Antrittsrede sagte er, dass er sozialistische Antworten auf die Probleme der Kapitalgier und des Mißbrauchs durch Vermieter finden möchte. „Ich wurde als demokratischer Sozialist gewählt und werde als demokratischer Sozialist regieren.“ Dazu passt, dass er seine ersten fünf Tage im Amt damit verbracht hat, sich eingehend mit der Frage zu befassen, wie man das Versprechen von bezahlbarem Wohnraum in die Realität umsetzen kann.

etos.media: Bleiben wir vielleicht noch einen Moment bei den strukturellen Aspekten. In der deutschen Linken sind viele junge Aktivisten stark von Mamdanis Sieg inspiriert. Die Partei Die Linke versucht, aus diesem Sieg zu lernen und Elemente in die eigenen Wahlkampagnen zu integrieren. Ist es möglich, einen solchen Wahlkampf zu übertragen?

Irene: Jahrzehntelange Vorbereitungen haben die Voraussetzungen für diesen Moment geschaffen. Das ist nicht in einem Jahr passiert und auch nicht in fünf Jahren. Es waren Jahre systematischer Organisationsarbeit durch die DSA, die auf kollektiven Erfahrungen basierte. Als ich mit dem Haustürwahlkampf begann, gab es bereits viele etablierte Systeme. Das zeigte sich an der Kommunikation zwischen den Einsatzleitern der Haustürkampagnen und uns Kampagnen-Teilnehmern. Jeder wurde eingeladen – oder besser gesagt, ausdrücklich darum gebeten –, einem WhatsApp-Chat beizutreten. Es gab also etablierte Kommunikationssysteme, die von Leuten mit jahrelanger Erfahrung in verschiedenen Kampagnen genutzt wurden, da sie wussten, dass man diese Art von Infrastruktur braucht, damit die Kommunikation reibungslos funktioniert.

Hinzu kamen WhatsApp-Gruppen, die immer größer wurden, weil sich immer mehr Leute für die Haustürkampagnen anmeldeten. Sobald man da war, kam man in diesen WhatsApp-Chat, für den es eine spezifische Zuordnung gab. So gab es eine Chatgruppe für Clinton Hill, für Bed-Stuy oder Prospect Heights. Thema in diesen Chatgruppen war die Wahlkampagne. Habe ich mein Gebiet abgehakt? Kann ich ein neues Gebiet bekommen? Wo finde ich das Informationsmaterial, das ich in diesem Gebiet verteilen soll? Natürlich wollten die Aktivisten auch über andere Dinge im Zusammenhang mit dem Wahlkampf sprechen. Doch es wurde sehr klar gesagt: „Das geht hier nicht. Wir können einen anderen Chat für euch erstellen.“ Also wurde ein weiterer Chat eingerichtet, weil man merkte, dass die Leute so begeistert von der Sache waren, Fragen hatten, über Ideologie diskutieren oder bestimmte politische Aspekte verstehen wollten, die ihnen noch unklar waren. Ich selbst landete schließlich in einer Chatgruppe, die sich „Gabbers and Yappers“ nannte, was soviel wie „Quasselstrippen für Zohran“ bedeutet. Aber selbst in diese informellen Chats gab es Administratoren, die ein Auge darauf hatten, wie beispielsweise über Israel gesprochen wurde. Man spürte eine politische Disziplin und das gefiel mir sehr. Die Strategie, die Taktiken, das klare Denken – all das wurde über Jahre aufgebaut.

Niemand hat also einfach so eine Kampagne gestartet. Dahinter steckte vielmehr die Summe jahrzehntelanger Erfahrung, die nun in die Praxis umgesetzt wurde. Bei jedem einzelnen Schritt wurde überlegt, wie daraus ein Mechanismus, ein Werkzeug gemacht werden könnte, das der gesamten Gruppe zugutekommt? Wie es auch weiterhin diszipliniert abläuft und nicht nachlässig wird? Genau diese Detailgenauigkeit und die vielen Menschen, die im Hintergrund mit Herzblut dabei waren, haben zu diesem Erfolg beigetragen. Das, denke ich, ist übertragbar. Aber es ist wichtig, die Kampagne in ihrer Gesamtheit zu betrachten, denn es geht nicht nur um das, was in den letzten neun Monaten passiert ist, was uns den sozialistischen Sieg sicherte.

etos.media: Sprechen wir über Gaza. Mamdani hat sich sehr deutlich gegen den Völkermord in Gaza ausgesprochen. Wie wichtig war diese Haltung im Wahlkampf? ​​Schließlich ging es um das Bürgermeisteramt, bei dem außenpolitische Themen ja normalerweise eine untergeordnete Rolle spielen.

Lala: Zohran ist in Uganda geboren und in New York City aufgewachsen. Er ist der Sohn zweier linker, antikolonialer Akademiker und Filmemacher. Schon in seiner Kindheit und Jugend sprach er darüber, wie Palästina seine Politisierung und seine Sicht auf die Welt und den Kolonialismus maßgeblich beeinflusst hatte. Und er stellte klar, dass er das im Bürgermeisterwahlkampf nicht verraten würde. Er hat ein sofortiges Ende des Völkermords gefordert und deutlich gemacht, dass die Milliarden Dollar, die nach Israel geschickt werden, besser in die Verbesserung der Lebensbedingungen in New York City investiert werden sollten. So gelang es ihm, beiden Fragen miteinander zu verknüpfen. Das hat die Menschen angesprochen.

Das Thema war ihm also wichtig. Trotzdem vermied er es, daraus ein zentrales Thema in seinen Reden zu machen. Stattdessen konzentrierte er sich voll und ganz auf bezahlbaren Wohnraum. Deshalb haben ihn auch Menschen gewählt, die seine Positionen zum Völkermord in Gaza nicht teilten. Aber immer wenn er während der Debatten expliziert nach Israel gefragt wurde, sagte er: „Ich bin der Bürgermeister von New York City, und ich werde mich dafür einsetzen, dass in dieser Stadt alle ein Zuhause haben: Muslime, Christen und Juden.“ Auf die Frage, ob seine erste Auslandsreise nach Israel führen würde, antwortete er: „Ich plane keine Reise. Ich bin Bürgermeister von New York City und mein Ziel ist es, die Stadt bezahlbar zu machen.“ Es war fast schon lächerlich, wie sehr man ihn dazu drängen wollte, explizit über Israel zu sprechen. So läuft das eben, wenn man für die Demokratische Partei kandidiert. Man muss Israel Priorität einräumen. Aber er machte klar, dass er kein Interesse daran hatte, sich an diese ungeschriebene Regel zu halten, und dass er seinen Prinzipien treu bleiben würde.

Der Zionismus hat einen sehr starken Einfluss auf die Demokratische Partei, doch Zohran war nicht bereit, seine Prinzipien zu verraten. Deshalb gab es große Unterstützung aus dem antizionistischen Teil der Gesellschaft. Eine der ersten Organisationen war „Jewish Voice for Peace“ (JVP NYC), die mehr direkte Aktionen in großem Umfang durchführten als jede andere Gruppe in New York City. Aus dem antizionistischen Protest entstand eine sehr enge Verbindung zwischen New Yorkern und der Zohran-Kampagne. Das spiegelte sich auch in den hunderten Chatgruppen wider, die Namen wie „Gay Jews for Zohran“ oder „Brooklyn Jews for Zohran“ oder „Union Jews for Zohran“ trugen…

Irene: „Heiße Mädels für Zohran“…

Lala: Oh ja… Aber es gab abgesehen von der jüdischen Community auch eine ganze Reihe anderer, neuer Gruppen und Initiativen, die Zohrans Botschaften teilten. Als Abgeordneter hatte er einen Hungerstreik aus Solidarität mit den Taxifahrern und ihrer Gewerkschaft durchgeführt, um gegen die erdrückende Verschuldung zu protestieren. Ein voller Erfolg. Dann schlug er vor, vor dem Weißen Haus einen Hungerstreik abzuhalten und das Ende des Völkermords zu fordern, was er tat. Er machte deutlich, dass wir nicht zulassen dürfen, dass unsere Steuergelder den Völkermord in Gaza finanzieren. Jedes siebte Kind ist obdachlos, aber immense Summen fließen nach Israel. Diesen Zusammenhang hat er aufgezeigt und eine Kampagne mit dem Titel „Nicht auf unsere Kosten“ gestartet. Sie zielte darauf ab, den Gemeinnützigkeitsstatus und damit die Steuergelder für registrierte gemeinnützige Organisationen abzuschaffen, die zionistisch sind und Geld nach Israel und aktiv in Siedlerprojekte schicken. Das hat die Menschen erreicht.

Und noch etwas sollte erwähnt werden: Als erster muslimischer Bürgermeister von New York City hatte er erlebt, wie seine Mitbürger und Nachbarn eine der gewalttätigsten Phasen in der Geschichte New Yorks durchlebten, in der die New Yorker Polizei Muslime und religiöse Mitglieder seiner Gemeinde aktiv überwachte. Das prägte seinen Stolz auf seinen muslimischen Glauben. Bereitwillig sprach er darüber, wie ihn diese Phase politisiert hat. Und er machte klar, dass die Sicherheit der New Yorker nicht auf die Sicherheit jüdischer Amerikaner beschränkt werden darf. Natürlich hat er Antisemitismus als Problem benannt, aber er war bereit, seine Erfahrungen als muslimischer New Yorker offen zu schildern und damit ein Tabu zu brechen, das seit 1991 existierte. Dass und wie er von seinen eigenen Erfahrung sprach, hat viele sehr berührt.

„Unter Trump hat sich die Gewalt gegen Migranten verschlimmert.“

etos.media: Und können die ganz normalen Menschen vom neuen Bürgermeister Mamdani nun erwarten?

Lala: Mit der Wahl Mamdanis hat sich bereits die öffentliche Atmosphere verändert. Unter Trump hat sich die Gewalt gegen Migranten verschlimmert. Mamdani hat sich persönlich gegen Trumps Einwanderungsgesetze gestellt. Mit ihm haben wir jetzt einen Bürgermeister, der sich sichtbar gegen diese zerstörerische Politik der Regierung wehrt. Mamdani versucht in seinen Reden, eine Willkommenskultur zu vermitteln. Gerade wenn man als ganz normaler New Yorker, vielleicht als junger Mensch ohne Schulbildung, der sich als Lieferfahrer bei „Uber Eats“ über Wasser hält und keinen Zugang zur städtischen Infrastruktur hat und vielleicht in rechten Chatgruppen unterwegs ist, hört, wie der Bürgermeister Migranten willkommen heißt, kann das etwas bewirken. Das ist nur ein kleines Beispiel, aber es könnte Teil eines Kulturwandels werden.

Dieser Kulturwandel spiegelte sich auch im Umgang mit dem Polizeipräsidenten wider. Früher gab es fast täglich gemeinsame Treffen des Bürgermeisters mit dem Polizeipräsidenten, um Sicherheits- und Polizeifragen zu besprechen. Jetzt untersteht der Polizeipräsident dem stellvertretenden Bürgermeister – eine Abweichung von der traditionellen Praxis in der Stadtverwaltung. Der stellvertretende Bürgermeister ist ein langjähriger Politiker in New York City. Er ist älter, er hat schon unter de Blasio und in verschiedenen anderen Stadtverwaltungen gearbeitet und er kennt die Abläufe in der Stadt. Er verfügt über einen beträchtlichen Erfahrungsschatz. Durch die Änderung können sowohl der stellvertretende Bürgermeister als auch der Bürgermeister Druck auf den Polizeipräsidenten ausüben. Die Machtdynamik verändert sich durch diesen Umbau.

etos.media: Eine letzte Frage: Was sagt Mamdanis Sieg über die Stimmung in den Vereinigten Staaten aus? Gibt es Anzeichen dafür, dass die extreme Rechte zurückgedrängt werden kann? Ist Mamdanis Sieg vielleicht auch so etwas wie ein Zeichen dafür, dass die Linke die rechtsextremen Tendenzen in den USA überwinden kann?

Irene: Trumps „Make America great again“-Bewegung versucht, von der wachsenden Ungleichheit in den USA zu profitieren. Sie greift diese Ungleichheit auf und stellt zugleich die Rückverlagerung der amerikanischen Produktion in die USA in den Mittelpunkt. China soll zudem auf dem internationalen Markt geschlagen und der Stolz darauf, ein weißer Amerikaner zu sein, wiederbelebt werden. Die Linke muss dagegenhalten und deutlich machen, dass unsere Vorstellung von Kollektivität viel umfassender ist. Wir verteidigen die Würde der Arbeiterklasse, deshalb fordern wir bezahlbaren Wohnraum. Wir verteidigen Arbeitsplätze in den USA nicht um ihrer selbst willen, sondern unterstützen vielmehr Gewerkschafts- und Arbeitnehmerrechte gegen den Missbrauch durch Unternehmen. Deshalb unterstützen wir die Streikposten und den Klassenkampf. Deshalb knüpfen wir an die Sozialisten der 1930er Jahre an und sind stolz auf diese US-Geschichte.

Aber klar ist auch: Wir müssen jetzt liefern. Viele von uns sagen, dass die eigentliche Arbeit am 1. Januar 2026 begann. Denn nun geht es darum, unsere Wahlversprechen einzulösen: Immobilien- und Bodenpreise einzufrieren, Busse schnell und kostenlos zu machen und eine flächendeckende Kinderbetreuung aufzubauen. Wir müssen nicht nur durch einen schönen Wahlkampf, sondern durch tatsächliche Regierungskompetenz zeigen, dass wir das Leben der Menschen verbessern können. Das erfordert unter anderem, dass die Linke die Finanzpolitik sehr ernst nimmt, denn dort haben die autoritäre Rechte und das reichste Prozent die US-Politik fest im Griff. Um es mit ihnen aufnehmen zu können, brauchen wir den Rückhalt der Basisbewegungen und Gewerkschaften. Der ein oder andere Millionär hat nichts gegen eine höhere Besteuerung. Aber viele Milliardäre – denken wir nur an Elon Musk – verabscheuen alles, wofür unser politisches Projekt steht. Und deshalb werden sie Druck machen. Die US-Elite weiß, dass sie dieses Projekt stoppen muss, und genau deshalb brauchen wir die Unterstützung der organisierten Arbeiterbewegung.

Zohrans Sieg ist ein wichtiger Erfolg. Doch die Gefahr, Vertrauen und Hoffnungen der Menschen zu verspielen, besteht. Viele einkommensschwache Einwohner New Yorks haben bei den Vorwahlen nicht für Zohran Mamdani gestimmt, weil sie große Angst vor Veränderungen hatten. Wenn man vom Mindestlohn lebt und gerade so über die Runden kommt, dann stellen Trumps Mittelkürzungen eine Bedrohung dar. Wir haben gesehen, dass diese einkommensschwachen Wähler in New York bei der Hauptwahl für Zohran stimmten. Sie waren bereit, wieder Hoffnung zu schöpfen. Und diese Bereitschaft müssen wir mit ganzem Herzen schützen. Das in uns gesetzte Vertrauen dieser Menschen muss uns etwas Heiliges sein. Wir müssen Hoffnungen vermitteln und zeigen, dass Vielfalt und Inklusion möglich sind. Wenn wir das in New York City schaffen, dann können wir es überall schaffen.

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