Wenn es an der Tür klingelt in Belarus

Proteste in Minsk am 18. Oktober 2020
(Bild: Homoatrox, CC BY-SA 3.0)

Während Belarus zuletzt vor allem durch die Freilassung mehrerer Hundert politischer Gefangener als Gegenstand diplomatischer Verhandlungen wahrgenommen wurde, zeichnet der im August 2026 veröffentlichte Viasna-Bericht Hidden Repression 2020–2026 ein anderes Bild. Er beschreibt keine Abschwächung der Repression seit den Massenprotesten von 2020, sondern ihren Wandel: von offener Massengewalt hin zu einer weniger sichtbaren, aber dauerhaft wirksamen Kontrolle des gesellschaftlichen Lebens.

Es klingelt

Mehr lässt sich nicht sagen. Nicht, in welcher Stadt die Wohnung liegt. Nicht, wer hinter der Tür lebt. Nicht einmal, wer klingelt. Vielleicht ist es der Paketdienst. Vielleicht eine Nachbarin. In Belarus kann dieselbe Türklingel aber auch den Besuch der Polizei oder des Geheimdienstes ankündigen.

Gerade diese Ungewissheit ist für viele Menschen Teil des Alltags geworden. Autoritäre Herrschaft beginnt nicht erst mit einer Festnahme oder einem Urteil. Sie beginnt dort, wo Menschen ihr Verhalten verändern, weil sie jederzeit mit einer Hausdurchsuchung, einer Vorladung oder der Auswertung ihres Mobiltelefons rechnen müssen. Jede unerwartete Begegnung, jeder Anruf und jedes Klingeln an der Tür können zu einer möglichen Bedrohung werden.

Seit Jahren dokumentiert das Menschenrechtszentrum Viasna politisch motivierte Strafverfahren, Hausdurchsuchungen und Festnahmen. Auch das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) beschreibt anhaltende willkürliche Inhaftierungen, Misshandlungen und erhebliche Einschränkungen grundlegender Freiheitsrechte. Beide zeichnen das Bild eines Staates, in dem Repression nicht mehr nur auf spektakuläre Gewalt setzt, sondern zunehmend den Alltag durchdringt.

Wer Belarus verstehen will, sollte den Blick deshalb nicht allein auf Präsident Aljaksandr Lukaschenko richten. Seine lange Amtszeit prägt das politische System, erklärt jedoch weder dessen Stabilität noch, weshalb die Proteste des Jahres 2020 zwar niedergeschlagen wurden, die gesellschaftlichen Spannungen bis heute aber fortbestehen.

Belarus wird häufig entweder als „letzte Diktatur Europas“ oder als Überbleibsel sowjetischer Staatlichkeit beschrieben. Beide Bilder greifen zu kurz. Ebenso wenig lässt sich aus einem hohen Anteil staatlicher Unternehmen auf sozialistische Eigentumsverhältnisse schließen. Entscheidend ist nicht, wem Betriebe formal gehören, sondern wer über sie verfügt und ob Beschäftigte ihre Interessen unabhängig vertreten können. Wo freie Gewerkschaften fehlen und demokratische Mitbestimmung ausgeschlossen sind, ersetzt staatliches Eigentum keine gesellschaftliche Selbstverwaltung.

Die politische Ordnung entwickelte sich seit Mitte der 1990er Jahre schrittweise zu einem stark präsidial geprägten System. Präsidialverwaltung, Sicherheitsbehörden, Staatsanwaltschaft und Gerichte wurden zunehmend auf Loyalität gegenüber der politischen Führung ausgerichtet. Viele Belaruss*innen verbanden dieses Modell lange mit Stabilität, vergleichsweise geringer Arbeitslosigkeit und einem ausgebauten öffentlichen Sektor. Diese Erfahrungen erklären einen Teil seiner gesellschaftlichen Akzeptanz. Mit demokratischer Teilhabe sind sie jedoch nicht gleichzusetzen.

Als die Gesellschaft sichtbar wurde

Der Sommer 2020 veränderte dieses Verhältnis grundlegend. Nach der Präsidentschaftswahl vom 9. August gingen Hunderttausende Menschen auf die Straße. Auffällig war nicht nur ihre Zahl, sondern auch ihre Vielfalt. Beschäftigte großer Staatsbetriebe demonstrierten neben IT-Fachkräften, Ärzt*innen neben Studierenden, Rentner*innen neben Kulturschaffenden. In Minsk, Hrodna, Brest und zahlreichen kleineren Städten organisierten Nachbarschaften Hilfe für Verletzte und Festgenommene, sammelten Geld für Anwaltskosten und unterstützten Familien politischer Gefangener. Im Traktorenwerk MTZ und beim Muldenkipper-Hersteller BelAZ streikten mehrere hundert Beschäftigte, ein außergewöhnlicher Vorgang in einem Land, dessen politische Stabilität lange auch auf der Loyalität großer Staatsbetriebe beruhte.

Rückblickend richtet sich der Blick häufig auf die Frage, warum die Proteste scheiterten. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch, was in diesen Wochen entstand. Erstmals seit vielen Jahren entwickelten sich landesweit eigenständige Netzwerke gegenseitiger Unterstützung in Betrieben, Nachbarschaften und Berufsgruppen. Damit entstanden Formen kollektiven Handelns, die sich staatlicher Kontrolle zumindest zeitweise entzogen. Nicht einzelne Oppositionspolitiker*innen wurden dadurch zur größten Herausforderung für die politische Führung, sondern die Erfahrung vieler Menschen, ihre Interessen gemeinsam und unabhängig vertreten zu können.

Die Antwort des Staates beschränkte sich deshalb nicht auf die gewaltsame Zerschlagung der Demonstrationen. In den folgenden Jahren gerieten Journalist*innen, Anwält*innen, Gewerkschafter*innen, Studierende, Kulturschaffende und Menschenrechtsverteidiger*innen unter Druck. Organisationen wurden aufgelöst, Redaktionen ins Exil gedrängt und unabhängige Initiativen kriminalisiert. Nach Angaben der Belarusian Association of Journalists (BAJ) befinden sich weiterhin zahlreiche Journalist*innen aus politischen Gründen in Haft, während viele unabhängige Medien ihre Arbeit von Vilnius, Warschau oder Prag aus fortsetzen.

Arbeit als politischer Raum

Als die Demonstrationen im Herbst 2020 von den Straßen verschwanden, endete der Konflikt nicht. Er verlagerte sich. Was zuvor auf den Plätzen von Minsk, Hrodna oder Brest sichtbar gewesen war, spielte sich nun in den Betrieben, Universitäten, Redaktionen und Gerichtssälen ab. Die Sicherheitsbehörden mussten keine Hunderttausenden Menschen mehr auseinander treiben. Stattdessen richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf jene Orte, an denen Menschen dauerhaft zusammenarbeiteten, sich organisierten und gegenseitig unterstützten.

Am deutlichsten zeigte sich dieser Wandel in der Arbeitswelt. Während der Proteste hatten Beschäftigte großer Staatsbetriebe wie MTZ, BelAZ oder der Raffinerie Naftan gestreikt. Das war weit mehr als ein gewöhnlicher Arbeitskonflikt. Über Jahrzehnte hatte die politische Führung ihre Legitimation nicht nur aus Präsidialmacht und Sicherheitsapparat bezogen, sondern ebenso aus dem Versprechen sozialer Stabilität und sicherer Arbeitsplätze. Gerade dieses Versprechen hatte viele Beschäftigte an den Staat gebunden. Als ausgerechnet Arbeiter*innen staatlicher Vorzeigebetriebe begannen, ihre Interessen eigenständig zu vertreten, geriet eine tragende Säule des Herrschaftssystems unter Druck.

Darin liegt zugleich ein Schlüssel zum Verständnis der Stabilität des Regimes nach 2020. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung war wirtschaftlich vom Staat abhängig – als Beschäftigte öffentlicher Betriebe, Verwaltungen oder staatlicher Einrichtungen. Wer seine Arbeit verlor, riskierte häufig weit mehr als sein Einkommen. Für viele Familien standen soziale Sicherheit, berufliche Perspektiven und die eigene Existenz auf dem Spiel. Repression wirkte deshalb nicht allein durch Gewalt. Sie wirkte ebenso durch ökonomische Abhängigkeit, institutionelle Loyalitäten und die alltägliche Angst vor sozialem Abstieg.

Die Reaktion der Behörden folgte rasch. Gewerkschaftsbüros wurden durchsucht, Funktionär*innen festgenommen und schließlich die verbliebenen unabhängigen Gewerkschaften sowie ihr Dachverband, der Belarusian Congress of Democratic Trade Unions (BKDP), 2022 durch den Obersten Gerichtshof aufgelöst. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) kritisiert Belarus bereits seit 2004 wegen anhaltender Verstöße gegen die Vereinigungsfreiheit. Nach den Protesten verschärfte sich diese Entwicklung weiter. Internationale Gewerkschafts- und Menschenrechtsorganisationen sprechen inzwischen von einer systematischen Zerschlagung unabhängiger Arbeitnehmervertretungen.

Dabei ging es um weit mehr als Tarifverhandlungen oder Arbeitsbedingungen. Unabhängige Gewerkschaften ermöglichen Beschäftigten, gemeinsame Interessen zu formulieren, Konflikte kollektiv auszutragen und Solidarität praktisch werden zu lassen. Gerade diese Fähigkeit machte sie nach 2020 politisch bedeutsam. Aus Sicht der Behörden bestand das eigentliche Problem offenbar nicht darin, dass Arbeiter*innen über ihre Arbeitsbedingungen diskutierten, sondern dass sie dies außerhalb staatlicher Kontrolle taten.

Die Zerschlagung unabhängiger Organisationen

Die Entwicklung beschränkte sich nicht auf die Arbeitswelt. Kritische Lehrende verloren ihre Stellen, Studierende wurden exmatrikuliert, Kulturprojekte aufgelöst und unabhängige Medien ins Exil gedrängt. Parallel dazu gerieten Menschenrechtsorganisationen, Bürgerinitiativen und zahlreiche weitere zivilgesellschaftliche Gruppen unter massiven Druck.

Der Viasna Bericht Hidden Repression 2020–2026 beschreibt diesen Wandel als Übergang von sichtbarer Massenrepression zu einer dauerhaften Kontrolle des gesellschaftlichen Lebens. Öffentliche Prozesse treten zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen nehmen Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit, Urteile in Abwesenheit, digitale Überwachung sowie Maßnahmen gegen Angehörige und Menschen im Exil zu. Repression verschwindet nicht, sie verändert ihre Form.

Seit 2020 wurden Hunderte Organisationen liquidiert oder zur Selbstauflösung gezwungen. Menschenrechtsgruppen, Bildungsprojekte, Kulturinitiativen, unabhängige Medien und Gewerkschaften wurden verboten oder als „extremistisch“ eingestuft. Für viele Aktivist*innen blieb nur Exil oder Gefängnis.

Die Folgen reichen weit über die unmittelbar Betroffenen hinaus. Wo unabhängige Organisationen verschwinden, gehen nicht nur Institutionen verloren. Es verschwinden Orte, an denen Vertrauen entstehen, Erfahrungen weitergegeben und gemeinsames Handeln eingeübt werden können. Genau deshalb richtete sich die Repression nach 2020 nicht nur gegen Oppositionelle. Sie zielte auf die sozialen Voraussetzungen, aus denen Opposition überhaupt entstehen kann.

Der Konflikt verlagerte sich damit endgültig von den Straßen in den Alltag. Wer heute ins Visier der Behörden gerät, tut dies häufig nicht wegen einer Demonstration, sondern wegen journalistischer Arbeit, gewerkschaftlicher Organisierung, anwaltlicher Vertretung oder der Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen. Die offene Gewalt des Sommers 2020 wich einer Herrschaftspraxis, die weniger sichtbar ist, dafür aber tiefer in das gesellschaftliche Leben eingreift. Nicht der Ausnahmezustand wurde zum Normalfall, sondern die alltägliche Kontrolle.

Wenn Angst zum Alltag wird

Autoritäre Herrschaft stützt sich nicht dauerhaft auf spektakuläre Gewalt. Dauerhaft stabil wird sie erst, wenn Menschen beginnen, ihr eigenes Verhalten vorsorglich anzupassen.

Der Viasna-Jurist Pavel Sapelka beschreibt einen Mechanismus, der diesen Wandel sichtbar macht. Sicherheitskräfte nähmen Menschen häufig zunächst fest, werteten anschließend Mobiltelefone und Computer aus und suchten erst danach nach möglichen Straftatbeständen. Private Chats, Fotos oder Kontaktlisten könnten so selbst zum Ausgangspunkt eines Ermittlungsverfahrens werden. Das Smartphone wird damit zum Archiv des eigenen Lebens – und zugleich zu einem möglichen Beweismittel.

Dauerhafte Kontrolle braucht deshalb keine täglichen Massenverhaftungen. Es genügt, wenn Kolleg*innen wegen eines Kommentars ihre Arbeit verlieren, Nachbar*innen wegen einer Spende an eine Solidaritätsinitiative vor Gericht stehen oder Journalist*innen nur noch aus dem Exil berichten können. Unter solchen Bedingungen verändert sich das Verhalten lange bevor ein Gericht urteilt. Gespräche werden vorsichtiger geführt, Kontakte eingeschränkt und politische Äußerungen vermieden. Angst wird so vom Ausnahmezustand zur alltäglichen Gewohnheit.

Nach Einschätzung des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte (OHCHR) dauert diese Entwicklung an. Willkürliche Inhaftierungen, Misshandlungen sowie erhebliche Einschränkungen beim Zugang politischer Gefangener zu anwaltlicher und medizinischer Versorgung bestehen fort. Zugleich geraten ehemalige politische Gefangene, ihre Angehörigen und Belaruss*innen im Exil zunehmend unter Druck. Repression endet damit weder an den Gefängnismauern noch an den Grenzen des Landes.

Der Konflikt richtet sich deshalb längst nicht mehr allein gegen Demonstrationen. Er richtet sich gegen die Voraussetzungen gesellschaftlichen Handelns selbst. Wo Menschen einander nicht mehr vertrauen, gemeinsame Interessen nicht mehr offen vertreten oder aus Angst auf politisches Engagement verzichten, entfaltet autoritäre Herrschaft ihre nachhaltigste Wirkung.

Geopolitik und ihre Grenzen

Seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 wird Belarus außerhalb des Landes vor allem als engster Verbündeter Russlands, als Aufmarschgebiet russischer Truppen und als Adressat westlicher Sanktionen wahrgenommen. Diese Perspektive erklärt einen wichtigen Teil der politischen Realität. Den Kern der Entwicklung erklärt sie jedoch nicht.

Wie Reuters berichtet, bilden die Sanktionen der Europäischen Union und weiterer westlicher Staaten den außenpolitischen Rahmen, in dem sich Belarus bewegt. Über ihre Wirksamkeit wird kontrovers diskutiert. Für die innere Entwicklung des Landes ist jedoch eine andere Frage entscheidend: Vergrößern oder verkleinern sich die Möglichkeiten unabhängiger gesellschaftlicher Organisation?

Gerade die Jahre 2025 und 2026 zeigen, warum diese Unterscheidung wichtig ist. Im Zuge internationaler Verhandlungen wurden mehrere Hundert politische Gefangene freigelassen. Gleichzeitig dokumentierten Menschenrechtsorganisationen neue Festnahmen und weitere politisch motivierte Strafverfahren. Nach AP News brachte der Friedensnobelpreisträger und Viasna-Gründer Ales Bialiatski diesen Widerspruch mit einem Satz auf den Punkt: „Es hat keinen Sinn, bisherige Gefangene freizulassen, wenn gleichzeitig neue inhaftiert werden.“

Die Zahl der Freilassungen allein sagt deshalb wenig über die Entwicklung autoritärer Herrschaft aus. Entscheidend ist, ob sich ihre Mechanismen verändern. Genau hier setzt der Viasna-Bericht an. Öffentliche Massenverfahren treten seltener in den Vordergrund. Stattdessen nehmen Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit, Urteile in Abwesenheit, digitale Überwachung sowie Maßnahmen gegen Angehörige und Menschen im Exil zu. Repression verschwindet nicht, sie wird schwerer sichtbar.

Geopolitik bildet damit den äußeren Rahmen der Entwicklung. Ob sich die gesellschaftliche Lage verändert, entscheidet sich jedoch an einer anderen Stelle: daran, ob Beschäftigte Gewerkschaften gründen können, Journalist*innen frei berichten, Menschenrechtsorganisationen unabhängig arbeiten und Bürger*innen ihre Interessen ohne Angst vertreten können.

Trotz Verboten, Exil und Gefängnis bestehen solche Strukturen weiter. Ihre Handlungsmöglichkeiten sind erheblich eingeschränkt worden. Vollständig beseitigt wurden sie jedoch nicht. Gerade deshalb ist Belarus heute nicht nur ein Gegenstand internationaler Diplomatie, sondern auch ein Beispiel dafür, wie autoritäre Herrschaft versucht, die gesellschaftlichen Voraussetzungen kollektiven Handelns Schritt für Schritt zurückzudrängen.

Was bleibt

Sechs Jahre nach den Massenprotesten ist Belarus nicht zu einem „Normalfall“ autoritärer Herrschaft geworden. Der Konflikt von 2020 wird heute an anderen Orten ausgetragen: vor Gerichten, in Strafkolonien, in Exilredaktionen und überall dort, wo Menschen trotz wachsender Risiken versuchen, unabhängig zu arbeiten und sich zu organisieren. Seine Form hat sich verändert – sein Gegenstand nicht.

Nach Einschätzung des OHCHR dauern willkürliche Inhaftierungen, Misshandlungen sowie erhebliche Einschränkungen beim Zugang politischer Gefangener zu anwaltlicher und medizinischer Versorgung an. Zugleich berichten die Vereinten Nationen über den fortgesetzten Missbrauch der Extremismusgesetzgebung, transnationale Repression und den zunehmenden Druck auf Belaruss*innen im Exil. Von einer grundlegenden Verbesserung der Menschenrechtslage kann deshalb keine Rede sein.

Dennoch wäre es verkürzt, Belarus ausschließlich als Geschichte einer Niederlage zu erzählen. Autoritäre Herrschaft kann Organisationen verbieten, Redaktionen schließen, Gewerkschaften zerschlagen und Menschen inhaftieren. Weitaus schwieriger ist es jedoch, Erfahrungen gemeinsamen Handelns auszulöschen.

Gerade darin liegt die nachhaltigste Bedeutung des Sommers 2020. Hunderttausende Belaruss*innen erfuhren damals, dass sie sich unabhängig organisieren, einander unterstützen und gemeinsame Interessen vertreten konnten. Diese Erfahrung verschwand nicht mit der Räumung der Demonstrationen. Sie überdauerte Verbote, Exil und Gefängnis.

Bis heute dokumentieren Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch staatliche Übergriffe. Unabhängige Journalist*innen berichten aus dem Exil. Internationale Gewerkschaftsverbände halten den Kontakt zu ihren belarussischen Kolleg*innen aufrecht. Ihre Handlungsmöglichkeiten sind erheblich eingeschränkt worden, doch sie bestehen fort. Repression kann Organisationen schwächen und soziale Beziehungen beschädigen. Vollständig auslöschen kann sie sie nicht.

Auch die Freilassung mehrerer Hundert politischer Gefangener in den Jahren 2025 und 2026 änderte an diesem Grundmuster wenig. Solange neue Menschen festgenommen und weitere politisch motivierte Verfahren eingeleitet werden, bedeutet jede Freilassung zunächst nur eine Unterbrechung – nicht das Ende des Mechanismus politischer Verfolgung.

Die vergangenen Jahre zeigen deshalb vor allem eines: Belarus lässt sich weder allein als Ost-West-Konflikt noch ausschließlich als Geschichte eines autoritären Präsidenten verstehen. Im Mittelpunkt steht die schrittweise Einschränkung der Möglichkeiten, sich unabhängig zusammenzuschließen, gemeinsame Interessen zu vertreten und solidarisch zu handeln. Wo Gewerkschaften zerschlagen, Medien zum Schweigen gebracht und Menschenrechtsorganisationen kriminalisiert werden, verliert eine Gesellschaft nicht nur Institutionen. Sie verliert Orte, an denen Vertrauen entsteht, Erfahrungen weitergegeben und demokratische Praxis eingeübt werden können.

Wenn es in Belarus an der Wohnungstür klingelt, dann ist immer auch die Ungewissheit da, die autoritäre Herrschaft kennzeichnet. Sie verändert das Verhalten der Menschen lange bevor Gerichte urteilen oder Gefängnistüren zufallen.

Autoritäre Herrschaft kann Menschen einsperren, Organisationen verbieten und Redaktionen schließen. Schwerer fällt es ihr, die Erfahrung gemeinsamen Handelns auszulöschen.

Ian Nadge stammt ursprünglich aus Australien. Er ist Aktivist und Publizist und lebt seit einigen Jahren in Niedersachsen. Ian beschäftigt sich vor allem mit autoritärem Umbau, materialistischem Antifaschismus, Kapitalismuskritik und staatlicher Repression in Ost- und Mitteleuropa sowie Deutschland.

Dir gefällt der Artikel? Dann unterstütze doch unsere Arbeit, indem Du unseren unabhängigen Journalismus mit einer kleinen Spende per Überweisung oder Paypal stärkst. 

Folgt etos.media gerne auf Instagram oder X.

€
Zahlungsmethode auswählen
Persönliche Informationen

Spendensumme: 3,00€

Teilen:

Facebook
Twitter
Pinterest
LinkedIn

Ein Kommentar

  1. Dieser Artikel hat mich nicht überzeugt.
    Er könnte genau so im Spiegel oder der SZ stehen.
    Warum also auch in Etos media?
    Es fehlt völlig der Bezug zum ach so demokratischen Westen.
    Welche Interessen hat denn der Westen in Belarus? Wirtschafltich, geostrategisch?
    Welche Sanktionen sind in Kraft?
    Was gibt und gab er für die sog. Demokratieförderung aus? Hat er 2020 mitgemischt?

Freiheitsliebe Newsletter

Artikel und News direkt ins Postfach

Kein Spam, aktuell und informativ. Hinterlasse uns deine E-Mail, um regelmäßig Post von Freiheitsliebe zu erhalten.

Neuste Artikel

Abstimmung

Umfragen

Sollte Deutschland die Waffenlieferungen an Israel stoppen?

Ergebnis

Loading ...
Weiterelesen

Ähnliche Artikel