„Macht den Mund auf!“ – Im Gespräch mit Fabian Goldmann

Der Autor Fabian Goldmann wurde vom AStA der Uni Köln und der Studi-Gruppe „Camp for Palestine“ eingeladen, um über sein medienkritisches Buch „Staatsräsonfunk“ zu sprechen. Die Uni-Leitung war dagegen und hat die Veranstaltung gecancelt – aus „Sicherheitsbedenken“, wie es hieß. Im Interview mit etos.media berichtet Goldmann über seine Erfahrungen im Rahmen der Lesereise und fordert kollektiven Widerstand gegen die Repressionen in Zeiten des autoritären Staatsumbaus.

etos.media: Du beschreibst dich auf deiner Webseite als „Autor, Medienkritiker, Blogger, Islamwissenschaftler, Speaker, Podcaster, meist und vor allem aber Journalist“, und in Verbindung aller dieser Expertisen bist du gerade auf Buchtour, um dein neues Buch „Staatsräsonfunk“ vorzustellen. In dem Buch geht es um die deutschen Medien und ihre überwiegend unkritische Berichterstattung über den Genozid in Palästina. Im Rahmen dieser Lesereise solltest du eigentlich auch an der Universität zu Köln sprechen, aber dann wurde dir der Raum entzogen. Was genau ist da passiert?

Fabian Goldmann: Der AStA der Uni Köln und die Kölner Studi-Gruppe „Camp for Palestine“ hatten mich eingeladen, um an der Uni über mein Buch zu sprechen, in welchem ich die Gaza-Berichterstattung deutscher Leitmedien untersuche. Zunächst lief alles problemlos: Die Uni genehmigte die Veranstaltung, das Interesse der Studierenden war groß. Ein paar Tage vor der Veranstaltung verlegte die Uni-Leitung die Veranstaltung plötzlich an einen kleineren Campus und untersagte sie dann schließlich ganz. Am Veranstaltungsort wartete schon eine Vertreterin der Uni-Leitung in Begleitung von Polizei und Sicherheitsdienst auf uns und warf uns vom Gelände. Wohlgemerkt: Es ging um eine medienwissenschaftliche Veranstaltung, die zudem von der offiziellen Studierendenvertretung der Uni Köln organisiert wurde. Ich hatte natürlich schon vorher mitbekommen, dass die Uni nicht viel von Wissenschaftsfreiheit hält, sobald man sich kritisch mit der deutschen Staatsräson-Politik beschäftigt. Aber das so unmittelbar einmal am eigenen Leib zu erleben, war eine ganz neue Erfahrung. Dass die Veranstaltung am Ende doch stattfand, ist dem großen Engagement von AStA und Camp for Palestine zu verdanken.

etos.media: Was war die offizielle Begründung für die Raumabsage?

Fabian Goldmann: Offiziell begründete die Uni die Absage mit „Sicherheitsbedenken“. Welches konkrete Sicherheitsrisiko von einer Inhaltsanalyse deutscher Nahost-Berichterstattung ausgehen soll, erklärte die Uni-Leitung nicht. Wahrscheinlicher ist, dass die Absage politische Gründe hatte. Die Uni hat in den vergangenen Jahren immer wieder unmissverständlich gezeigt, dass sie voll auf Staatsräsonkurs ist und dafür im Zweifel auch bereit ist, die Freiheit von Lehre, Wissenschaft und studentischer Selbstorganisation einzuschränken.

Die Uni Köln hat sich nach dem 7. Oktober mehrfach öffentlich mit Israel solidarisiert, ohne die von Israels Armee begangenen Verbrechen und das Leid der palästinensischen Bevölkerung auch nur zu erwähnen. Mehrfach wurden Veranstaltungen, die sich kritisch mit Israels Genozid und der deutschen Unterstützung beschäftigen, verhindert. Problemlos an der Uni auftreten konnten hingegen offizielle israelische Vertreter wie Israels Botschafter Ron Prosor. Um diesen vor Kritik und Protest zu schützen, hat die Uni sogar einmal einem ihrer eigenen Studenten Hausverbot erteilt.

Im April 2024 ging die Uni-Leitung so weit, der US-amerikanischen Philosophin Nancy Fraser die Albertus-Magnus-Professur abzuerkennen. Diese hatte zuvor in einem offenen Brief Israels Genozid in Gaza und das Apartheidsystem im Westjordanland kritisiert. Dass ich jetzt mit Nancy Fraser in einem Atemzug genannt werde, ist doch eigentlich auch eine sehr schöne Auszeichnung.

etos.media: Wie seid ihr mit der Raumabsage umgegangen?

Fabian Goldmann: Die Leute vom AStA und Camp for Palestine waren großartig. Sie haben von Anfang an klar gemacht, dass sie alles tun werden, um die Veranstaltung stattfinden zu lassen. Konkret bedeutete das zunächst, dass sie nach alternativen Räumen und gleichzeitig einer einvernehmlichen Lösung mit der Uni-Leitung suchten. Die zeigte sich allerdings wenig gesprächsbereit. Spätestens nachdem sie uns mitsamt Sicherheitsdienst und Polizei aus der Uni geworfen hatte, hätten die meisten Veranstalter wohl aufgegeben. Der AStA hingegen meldete vor der Uni eine Spontankundgebung an und baute mit Hilfe vieler Studis in Windeseile Zelte, Bänke und Lautsprecher auf. Schließlich hielt ich vor rund 250 Leuten doch meinen Vortrag. Die Stimmung war großartig. Die Lokalpresse berichtete. Auch in sozialen Medien war die Sache ein großes Thema. Am Ende erreichte mein Vortrag weit mehr Leute, als wenn er unter normalen Umständen stattgefunden hätte. Am Tag nach der Veranstaltung stieg mein Buch auf Amazon unter die Bestseller auf. Letztlich hätte es für mich nicht besser laufen können. Vielen Dank auch nochmal an das Rektorat der Uni Köln für die unfreiwillige Promo.

Aber im Ernst: Was ich von der Kölner Uni-Leitung mitbekommen habe, hat mich wirklich erschreckt. Das Rektorat scheint seine Studierenden eher als Untergebene und Befehlsempfänger zu verstehen. Ein Gesprächsgesuch des AStA lehnte das Rektorat beispielsweise im Vorfeld mit der Begründung ab, dass dieser in seinem Anschreiben nicht die formell korrekte Anrede verwendet hätte. Auch am Veranstaltungsort ließ sich die Uni-Leitung von Beginn an auf keine Gespräche ein, sondern verwies die eigenen Studierenden – und mich – umgehend mit Unterstützung von Polizei und Sicherheitsdienst der Uni. Als eine studentische Fotografin den Tumult dokumentieren wollte, stürmte eine Vertreterin des Rektorats auf sie zu und forderte sie sehr vehement – und meines Erachtens rechtswidrig – auf, die Fotos zu löschen. Wie man in solch einem autoritären Umfeld frei studieren, lehren und forschen soll, ist mir ein Rätsel. Umso wichtiger ist es, dass sich viele Kölner Studis dieser autoritären Entwicklung so engagiert entgegenstellen.

etos.media: War das bisher die einzige Absage, die du bekommen hast? Wie wurdest du andernorts empfangen?

Fabian Goldmann: Ich wurde überall mit offenen Armen empfangen. Allein in den letzten vier Wochen hatte ich 15 Auftritte in ganz Deutschland – von Hamburg bis Ulm. Fast überall waren die Säle randvoll und das Publikum begeistert. Es ist toll zu sehen, wie viele engagierte Menschen es überall gibt, die sich dem zunehmend autoritär werdenden Klima in Deutschland auf ganz unterschiedliche Weise widersetzen.

Die bisher einzige weitere Absage hatte ich in Düsseldorf. Dort hatte mich das Kulturzentrum ZAKK zunächst eingeladen und die Veranstaltung dann kurzfristig ohne Angabe von Gründen abgesagt. Mutmaßlich geschah das infolge von externem Druck. Zur selben Zeit erschien auf dem rechtspopulistischen Portal „Achse des Guten“ ein Beitrag gegen das ZAKK und mich. Außerdem hatte eine lokale antideutsche Gruppe zu Protesten gegen mich aufgerufen.

Auch in Düsseldorf konnte die Veranstaltung schließlich doch stattfinden, da Düsseldorfer Linke und SDS kurzfristig ihre Räume zur Verfügung stellten. Der Saal war schließlich so voll, dass wir die Veranstaltung per Videoübertragung in weitere Räume übertragen mussten. Der groß angekündigte „Gegenprotest“ beschränkte sich letztlich auf neun Personen, die etwas verloren mit Israel- und Deutschlandfahnen auf dem Gehweg herumstanden.

etos.media: Du kritisierst in deinem Buch die deutschen Medien basierend auf einer umfangreichen Datengrundlage. Damit macht man sich bestimmt nicht nur Freunde … Welche Resonanz hast du bisher von Medien und Medienschaffenden auf dein Buch erhalten?

Fabian Goldmann: Bisher sind etwa zehn Rezensionen zu meinem Buch erschienen – alle durchweg positiv. Dasselbe gilt für die Rückmeldungen von Kollegen und Kolleginnen sowie von Leserinnen und Lesern. Auch in sozialen Medien und Podcasts erfreut sich das Buch großer Beliebtheit. Gleichzeitig muss ich sagen, dass die Resonanz fast ausschließlich aus Kreisen kommt, die ohnehin schon kritisch sind. In den etablierten Medien wird mein Buch fast vollständig totgeschwiegen. Die bislang einzige kritische Erwähnung erschien in der FAZ. Die Autoren behaupteten, mein Buch greife die Demokratie an, indem es „Misstrauen gegenüber Leit- und Qualitätsmedien fördert“. Der Text selbst war ein gutes Beispiel dafür, warum die vermeintlichen „Leit- und Qualitätsmedien“ es schon ganz allein schaffen, dieses Misstrauen zu fördern. Die Kritik an meinem Buch erschien bereits vor dessen Veröffentlichung – die Autoren hatten es also nicht einmal gelesen.

Trotz des massenmedialen Blackouts verkauft sich das Buch aber hervorragend. In den nächsten Tagen geht die dritte Auflage in den Druck, im Sommer erscheint die Hörbuchfassung. Auch hier zeigt sich, dass die vermeintlichen Mainstream-Medien ihre Gatekeeper-Funktion zunehmend verlieren.

etos.media: Wie sind die Medien mit den Vorkommnissen in Köln umgegangen?

Fabian Goldmann: In der Lokalpresse erschienen einige Beiträge, unter anderem im Kölner Stadtanzeiger. Letzterer war sogar recht fair und ausgewogen. Neben der Uni-Leitung kam auch ein Vertreter des AStA und ein Student zu Wort, der die Uni für die Absage kritisierte. Interessant war, was dann passierte: Etwa drei Stunden nach Veröffentlichung verschwanden die kritischen Passagen aus dem Text, ohne irgendeinen Korrektur- oder Änderungshinweis. Übrig blieb nur die Darstellung der Uni-Leitung. Auch hier zeigte sich also, wie berechtigt und wichtig Medienkritik ist.

etos.media: Die EU macht gerade eine großangelegte Kampagne zur Pressefreiheit. Zeitgleich hören wir aktuell immer wieder von öffentlichen Diffamierungen von Journalist*innen, Wissenschaftler*innen, aber auch Privatpersonen aufgrund ihrer Beschäftigung mit dem Thema Palästina. Amnesty International warnt bereits, dass in Deutschland Menschenrechte wie die Meinungs- und Versammlungsfreiheit in Gefahr sind. In einigen Fällen, wie beispielsweise beim Journalisten Hüseyin Doğru, der für seine Berichterstattung von der EU sanktioniert worden ist, antwortet der Staat bereits mit massiver Repression. Wie blickst du auf die Repressionen gegen die Palästinasolidarität?

Fabian Goldmann: Was ich im sehr Kleinen erlebt habe, erleben Millionen Menschen seit dem 7. Oktober in Deutschland in viel größerem Ausmaß. Ob in Wissenschaft, Kultur, Politik, Behörden, Medien oder auf den Straßen: Überall werden Menschen, die sich Deutschlands Staatsräson-Politik widersetzen, diffamiert, kriminalisiert und gecancelt. Menschen mit arabischem oder muslimischem Hintergrund trifft zusätzlich die volle Wucht der zunehmend rassistisch werdenden Stimmung im Land.

Bei meinen Lesungen komme ich mit vielen engagierten Gruppen und Personen ins Gespräch. Alle berichten Ähnliches: Es ist unglaublich schwer, Räume für Veranstaltungen zu finden, die sich kritisch mit Israels Genozid und der deutschen Komplizenschaft auseinandersetzen. Veranstalter, Referentinnen und Künstler werden sehr schnell Ziel von Anfeindungen und Drohungen. Locations und Veranstalter erhalten E-Mails und Anrufe etwa von Vertretern pro-israelischer Lobbyorganisationen oder Politiker, die mit dem Streichen von Geldern oder öffentlicher Diffamierung drohen. Aus Angst, selbst ins Schussfeld zu geraten, meiden viele Veranstalter das Thema ganz. Das meiste davon passiert hinter den Kulissen und abseits der Öffentlichkeit. Öffentlich bekannt gewordene Fälle wie meiner sind nur die winzige Spitze eines gigantischen Eisbergs.

Der Fall von Hüseyin Doğru, aber etwa auch die Aufnahme der Tageszeitung junge Welt in den Verfassungsschutzbericht oder die zunehmende strafrechtliche Kriminalisierung von Kritik an der israelischen Regierungspolitik zeigt, wohin die Reise geht. Wo Diffamierungen und Cancel-Kampagnen nicht mehr ausreichen, geht der Staat zunehmend selbst gegen kritische Stimmen vor.

etos.media: Wie ordnest du aus deiner professionellen Sicht die Vorkommnisse im Rahmen deiner Lesereise in die aktuellen Entwicklungen ein?

Fabian Goldmann: Die Erfahrungen auf meiner Lesereise unterstreichen für mich noch einmal, wie berechtigt und wichtig die Analyse in meinem Buch ist: In Staatsräsonfunk geht es um die Folgen immer enger werdender Diskursräume, die Komplizenschaft einflussreicher Institutionen und zunehmende Repressionen. Dass mein Buch nun selbst zum Ziel dieser Entwicklungen wird, vermittelt seine Botschaft noch einmal auf besonders anschauliche Weise. Gleichzeitig zeigen mir diese Erlebnisse, wie wichtig Widerstand in diesen Zeiten ist.

etos.media: Was muss deiner Ansicht nach passieren, damit Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit in Deutschland gewahrt bleiben?

Fabian Goldmann: Wir erleben gerade einen massiven autoritären Staatsumbau auf allen Ebenen – der leider von großen Teilen der Gesellschaft mitgetragen oder zumindest teilnahmslos hingenommen wird. Eine einfache Antwort auf die Frage, wie man das alles aufhalten kann, habe ich leider auch nicht.

Was ich zumindest in den letzten Wochen anhand meiner eigenen Erlebnisse gelernt habe: Es ist wichtig, Missstände öffentlich zu machen und sich ihnen zu widersetzen. Fälle wie meinen gibt es jede Woche dutzendfach. Oft schweigen jedoch alle Beteiligten, um nicht zusätzlich in die Schusslinie zu geraten. Das mag aus persönlicher Perspektive verständlich sein, trägt letztlich aber zu diesen Zuständen bei. Außerdem haben die Öffentlichkeit, aber auch zukünftige Referenten, Künstlerinnen sowie Gäste ein Recht darauf zu erfahren, mit welchen Clubs, Universitätsleitungen und Behörden sie es zu tun haben. Deshalb mein Appell an alle, die mitbekommen, wie Menschen gecancelt werden: Macht den Mund auf!

Außerdem haben mir die letzten Wochen gezeigt, wie wichtig und wirkungsvoll Solidarität und Bündnisse sind. Auch davon gibt es noch viel zu wenig. Wie gesagt, komme ich gerade mit vielen Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen ins Gespräch, die sich in ihrem jeweiligen Umfeld den autoritären Entwicklungen widersetzen: Künstlern, Ärztinnen, Wissenschaftlern, Lehrerinnen, Gewerkschaftern, Studierenden und vielen anderen. Alle machen ähnliche Erfahrungen. Dennoch kämpfen die meisten für sich allein. Daran muss sich etwas ändern. Die Repression erleben wir alle gemeinsam, unser Widerstand muss genauso gemeinschaftlich sein.

Fabian Goldmanns Buch »Staatsräsonfunk – Deutsche Medien und der Genozid in Gaza« erschien im Februar 2026 beim Manifest Verlag

Dieser Autor schreibt für etos.media.

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