Nachdem Sängerin Pink sich letzte Woche in die Riege der Israel-Verteidigerinnen eingereiht und Macklemores Ausschluss aus Ed Sheerans Loop Tour gefordert hatte, erfüllte sich ihr Wunsch diese Woche: In einem Statement teilte Macklemore gestern auf Instagram mit, dass er auf persönlichen Druck des Stadionbesitzers Robert K. Kraft von Ed Sheeran gecancelt wurde. Mittlerweile haben sämtliche weiteren Opening Acts der Tour in Solidarität mit Macklemore ihre Auftritte abgesagt.
Ursprünglich hätte Macklemore am 25. und 26. September in Robert K. Krafts Gillette Stadium in Foxborough, Massachusetts, als Supporting Act für Ed Sheeran auftreten sollen. Diese und alle weiteren geplanten Auftritte werden nun jedoch nicht mehr stattfinden. Kraft habe sich am Ausspruch „Free Palestine“ und an der Palästinaflagge gestoßen, was laut Ed Sheeran viele Menschen „verletzt“ hätte, so Macklemore. Außerdem habe Kraft Sheeran gedroht, auch andere Stadionbesitzer aufzuhetzen, sodass Sheeran womöglich die gesamte Tour hätte abbrechen müssen, sollte er Macklemore nicht aus dem Line-up werfen.
„Eine Seite zu wählen, kann dich kosten. […] Aber es gibt keine neutrale Position zwischen Unterdrücker und Unterdrücktem“, schreibt Macklemore, auch an seinen „Bruder“ Sheeran gewandt. Seiner Meinung nach gehe es hier für Kraft um Schadensbegrenzung: Auch wenn Sheeran öffentlich bislang keine Position beziehen wollte, so könnte man nach Macklemores Auftritt nicht sicher sein, welche Künstler*innen als nächstes gegen die Unterstützung der israelischen Verbrechen aufbegehren. Ganz ähnlich sieht es auch eine Petition des Israeli American Council, einer pro-israelischen Lobbyorganisation in den USA: zu einseitig, nicht dem Anlass angemessen, gegen amerikanische Werte, lautet ihr Vorwurf gegen Macklemore. Die Sängerin Pink hingegen verteidigt sich: Sie wolle niemanden zum Schweigen bringen, sie sei nur eine „jüdische Mutter“, die Angst bekommen habe. Wie eine Fahne und Solidarität mit Menschen, die unter Bomben und Gewalt leiden, Angst machen kann, erklärte sie aber nicht.
Kraft und die pro-israelische Bewegung
Robert K. Kraft kann diese Ausrede nicht verwenden. Er versucht nicht nur, pro-palästinensische Äußerungen zu unterbinden, sondern auch durch Geldspenden die pro-israelische Bewegung aufzubauen. Seine Unterstützung für Israel bewirbt er ganz offen auf seiner Webseite und trat zuletzt auch als namensgebender Sponsor des Robert K. Kraft Family Center for Jewish Life and Leadership an der Brandeis University nahe Boston in Erscheinung: ein Familienzentrum, benannt nach Kraft, der 2019 bei einem Polizeieinsatz wegen illegaler Prostitution festgenommen wurde und sich daraufhin wohl an Jeffrey Epstein wandte, um sich nach einem Anwalt zu erkundigen. Verurteilt wurde er damals nicht. Sein neues universitäres Familienzentrum ist zwar nicht das einzige Sponsoring an der säkular-jüdischen Universität, das Kraft übernommen hat, doch im Gegensatz zu anderen Spenden läuft es direkt zugunsten von Hillel, der größten jüdisch-zionistischen Studierendenorganisation der Vereinigten Staaten.
Hillel steht unter anderem in der Kritik, weil ihre universitären Gruppen in der Vergangenheit unter anderem Siedlerbrigaden unterstützten und für Programme der israelischen Streiktkräfte warben. Brandeis war 2023 auch die erste US-Privatuni gewesen, die die propalästinensische Studierendenorganisation Students for Justice in Palestine (SJP) verboten hatte. Der damalige Brandeis-Präsident Ronald D. Liebowitz rief damals sogar im Boston Globe alle Bildungseinrichtungen auf, es ihm gleich zu tun. Dabei unterstützte ihn auch die von Robert Kraft finanzierte Initiative FCAS (Foundation to Combat Antisemitism), die es seit Frühjahr 2023 auch in Brandeis gibt. Und was tun israelische Soldaten am selben Tag, an dem sich die Verteidiger familiärer Werte wie ein Schutzschild um sie scharen? Sie schießen einer palästinensischen Frau in den Kopf und töten sie und ihren ungeborenen Sohn.
Kraft mag einen Punktsieg errungen haben, in dem er die anderen Stadionbesitzer dazu brachte, sich seiner Cancel-Aktion anzuschließen. Langfristig wird er aber ähnlich erfolglos bleiben wie alle anderen, die versuchen, den Genozid zu vertuschen und Opposition dagegen zu verhindern. Ein ähnlicher Streisand-Effekt, wie beim Ausschluss Alphavilles vom Glücksgefühle-Festival letzte Woche ist zu erwarten: Einen Tag nach Veröffentlichung hat Macklemores Statement bereits knapp sechs Millionen Likes auf Instagram. Im Gegensatz dazu hätten nur etwa 70.000 Menschen pro Abend im Gillette Stadium Platz gefunden. Somit erfüllt sich Macklemores Wunsch, dem Leid der Palästinenser*innen wieder eine Bühne zu geben, vielleicht sogar mehr, als wenn er tatsächlich performt hötte.
Update (16. September, 11:10 Uhr): Es wird still um Ed Sheeran
Mittlerweile kündigten alle Supporting Acts ihr Ausscheiden aus Ed Sheerans Loop Tour an. Während Sheeran in seinem Statement zur Situation weiterhin behauptet, alle Register der Vermittlung gegenüber Kraft gezogen zu haben, demonstrieren Aaron Rowe und Beoga, Lukas Graham und Finneas, die auf verschiedenen Abschnitten von Sheerans geplanter Tour auftreten sollten, wie Künstler*innen gegenüber pro-israelischen Cancel-Versuchen ihre Stimmen auch nutzen können. „Geld gibt einem nicht das Recht, die Debatte zu bestimmen“, schreibt Lukas Graham auf Instagram. Die irische Band Beoga beschreibt den Vorfall als „Silencing Macklemores durch zionistische Lobbys“. Auch Billie Eilishs Bruder Finneas stellt klar: „Künstler dürfen nicht zum Schweigen gebracht werden, wenn sie sich für Unterdrückte einsetzen.“ So sieht es auch der Ire Aaron Rowe, vergleicht die Situation Palästinas mit der britischen Kolonialherrschaft in Irland und schließt mit den Worten: „Ich muss mir selbst und meinen Vorfahren treu bleiben, die gegen die Kolonisierung Widerstand geleistet und für eine Freiheit gekämpft haben, die ich heute in Irland genieße. Free Palestine“.



